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Archive for Juli 2011

NAOKOS LÄCHELN

Regisseur Tran Anh Hung hat sich an die Verfilmung des Bestsellers von Haruki Murakami gewagt. Entstanden ist ein Coming-of-Age-Film über das Erwachsenwerden, der im Tokio der Sechziger Jahre angesiedelt ist.

Ende der Jugend: Torus (K. Matsuyama) Wiedersehen mit Naoko (R. Kikuchi) an ihrem 18. Geburtstag

Ende der Jugend: Torus (K. Matsuyama) Wiedersehen mit Naoko (R. Kikuchi) an ihrem 18. Geburtstag

Im Mittelpunkt der Handlung von Naokos Lächeln stehen die Erinnerungen von Toru Watanabe (Kenichi Matsuyama), der auf einen wichtigen Scheideweg seiner Jugendjahre zurück blickt. Während seiner Studienzeit in Tokio hat er eine Wiederbegegnung mit Naoko (Rinko Kikuchi). Der Selbstmord ihres gemeinsamen Jugendfreundes Kizuki beendete das jugendliche Idyll der drei Freunde für immer – ein Umstand, den beide auf andere Weise verdrängen. Während Toru an der Universität zunächst Ablenkung findet, wählt Naoko den Weg des Rückzugs in sich selbst.

Swinging Sixties in Tokio: Toru mit dem hedonistischem Studienfreund Nagasawa (T. Tamayama)

Swinging Sixties in Tokio: Toru mit dem hedonistischem Studienfreund Nagasawa (T. Tamayama)

Ein politischer Subtext wird erkennbar: die japanische Gesellschaft befindet sich im Wandel, der sich in Form von Studentenprotesten und einer Hinwendung zum westlichen Lebensstil und Konsumverhalten äußert. Als Antagonist fungiert Torus Studienfreund Nagasawa (Tetsuji Tamayama), der aufstiegsorientiert denkt, in seiner Sexualmoral aber recht freizügig ist. Nagasawa neigt zu Affären und schlägt ihm gönnerhaft einen Partnertausch mit seiner Freundin Hatsumi (Eriko Hatsune) vor. Toru selbst bleibt jedoch ein Außenstehender, der schließlich über Midori (Kiko Mizuhara) Anschluss an die Gegenwart findet. Sie erscheint ihm unabhängig und frei von traditionellen Bindungen. Es ist dieser Zwiespalt, der den Film voran treibt: Torus emotionales Pendeln zwischen der lebensfrohen Midori und Naoko, zu der er sich durch gemeinsam erlittenes Schicksal weiterhin hingezogen fühlt.

Detailgetreu komponierte Einstellungen dieser Art sind typisch: Naoko und Toru lauschen dem Gitarrenspiel von Reiko (Reika Kirishima)

Detailgetreu komponierte Einstellungen dieser Art sind typisch: Naoko und Toru lauschen dem Gitarrenspiel von Reiko (Reika Kirishima)

Anspruch des vietnamesischen Regisseurs war es, dem im nostalgischen Rückblick erzählten Roman einer Atmosphäre des unmittelbar erlebten Schmerzes zu unterziehen. Gleichzeitig spielt er mit dem imaginierten Bild eines Zeitgeistes. Ähnlich wie Bertoluccis Film Die Träumer nimmt das Dargestellte selbstreferentielle Konturen an und reüssiert ein Bild der Sechziger Jahre, deren Aufbruchstimmung und Hoffnungen aus früheren künstlerischen Darstellungen bekannt sind. In den sich über die Zeit wandelnden Verhältnissen der Protagonisten ist eine Nähe zu den Nouvelle Vague-Filmen Francois Truffauts oder Eric Rohmers zu erkennen. Die Protagonisten werden in einer Lebensphase verfolgt, die von zwischenmenschlichen Wünschen und deren Scheitern geprägt ist. Leitmotiv von Torus Erinnerung ist der Beatles-Song „Norwegian Wood“ (Titel des Romans von Hurakami und im Original), der in ihm alte Gefühle wach ruft. Naokos Lächeln wird insofern auch dem Werk Murakamis gerecht, der stark die Elemente westlicher Popkultur in seine Romane einfließen lässt.

Verschwinden der Protagonisten in der Weite des Raumes

Verschwinden der Protagonisten in der Weite des Raumes

Regisseur Tran Anh Hung arbeitet mit streng durchkomponierten Bildern. Subtilität ist ein wichtiges Merkmal. Vor allem Matsuyama und Kikuchi (als Toru und Naoko) verleihen ihren Szenen eine beklemmende Intimität, die im Minenspiel der Schauspieler besser zur Geltung kommt als in den Dialogen. Die Filmsprache von Naokos Lächeln lebt nicht nur von ihrer betonten Langsamkeit, sondern auch vom Einsatz des Raumes. Während die Lebendigkeit Midoris oft durch Begegnungen in öffentlichen Räumen und im Tageslicht dargestellt wird, kontrastiert dies mit den intimen Szenen Naokos in engen Zimmern oder menschenleeren, weiten Landschaften, in denen beide Protagonisten etwa nach einer langen Kamerafahrt förmlich verschwinden. Für eine schwermütige Stimmung sorgt ebenso die musikalische Untermalung von Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood, die vor allem gegen Ende des Films in ihrer kargen Direktheit eindringlich wirkt. Der Suizid des Jugendfreundes Kizukis ist ein wiederkehrendes Motiv des freiwilligen Ausscheidens aus einer Welt, deren Zugang man nicht mehr findet. Toru muss sich entscheiden, welchen Weg er wählt und sich dabei der Frage stellen, ob er bereit ist, Erlebtes hinter sich zu lassen: eine Vergangenheit, die in der Erinnerung schön, aber statisch ist.

Erstveröffentlichung dieses Artikels bei generation-news.eu

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© Pirlouiiiit – Concertandco.comBild: © Pirlouiiiit Concertandco.com

Eine recht überschaubare Besucherzahl sorgte für ein familiäres Flair im UT Connewitz. Wenig überraschend, findet doch die Musik von Jessie Evans und Toby Dammit hierzulande noch kaum Beachtung. Für Extravaganz und schrägen Glamour ist sowohl bei den meisten deutschen Indie-Bands als auch in der hiesigen elektronischen Musikszene wenig Platz. Dabei verfügt gerade Evans Wahlheimat Berlin über eine burleske Performance-Tradition aus den Zwanziger Jahren. Diese Elemente sind es auch, die gepaart mit der Theatralik des amerikanischen Deathrock den Live-Auftritten von Jessie Evans ihre eigene Note verschaffen.

In der kalifornischen Provinz aufgewachsen, wurde Evans vor allem mit Punk, Reggae, Jazz und Afro-Beat musikalisch sozialisiert. Mit ihrer Band The Vanishing spielte sie einige Jahre lang düsteren Electropop, bevor sie mit der einstigen Malaria!-Musikerin Bettina Köster und dem Projekt Autonervous in der Berliner Szene um das Label Pale Music Fuß fassen konnte. Vom Electro-Punk-Sound, der für dieses Umfeld typisch war, hat sich Evans mit ihrem letzten Solo-Album Is It Fire? jedoch weitgehend gelöst. Zusammen mit Schlagzeuger Toby Dammit, der sich vormals für Iggy Pop und The Residents die Sticks in die Hände gab, hellte sie den düsteren Sound ihrer früheren Projekte mit Afro-Beat und mexikanischen Tropical-Elementen auf.

© Pirlouiiiit – Concertandco.comBild: © Pirlouiiiit Concertandco.com

Auf der Bühne hat Evans nichts von ihrer Energie eingebüßt: in schillernder Kostümerie singt sie in Englisch und Spanisch, spielt Saxofon und legt zwischendurch kühne Tanzeinlagen vor. Unterstützt wird sie von Dammit, der verstärkt auf synkopisches Trommelspiel, Maracas und exotische Percussions setzt und die Becken nur selten benutzt. Dies gibt dem Rhythmus einen sehr unrockistischen Klang und eine Fülle, der man oft gar nicht anmerkt, dass die beiden Musiker nur mit zwei Instrumenten und eingespielten Drumcomputer-, Blechbläser- und Akkordeon-Samples agieren. Umso stärker variiert Evans‘ Saxofonspiel: kürzere, rhythmusorientiere Passagen wie in Let Me On wechseln sich mit mehrminütigen Soli ab. Ihr Können zeigt sie vor allem im hypnotischen To the Sun, das sich an mäandernden Jazz-Strukturen orientiert. Stimmlich erinnert sie an New Wave-Exzentrikerinnen wie Lene Lovich oder Danielle Dax, musikalisch an eigensinnige Bands wie Essential Logic, The Slits oder James White & The Blacks, die Anfang der Achtziger Disco, Jazz, Funk, Ethno und Avantgarde mit ihrem Punk-Ethos vermischten.

Ihre Nähe zur Performance-Kunst ist unverkennbar. Evans bespritzt die Menge mit Wasser, springt des öfteren von der Bühne, um sich unter die Gäste zu mischen. Aber hier ist nicht San Francisco, nicht einmal Berlin: abseits der Hauptstadt reagieren deutsche Konzertbesucher auf diese Art von Auftritten eher zurückhaltend. Begeisterung war dennoch da, so dass es als Zugabe noch einen neuen Song gibt. „Whitemare“ schlägt eine (auch textlich) punkigere Richtung an, die zeigt, dass das musikalische Schaffen von Evans keineswegs ausgereizt ist.

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