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Mit einer Melange aus Neuer Musik, Elektronik und Pop bescherten ihre ersten drei Alben der kalifornischen Musikern Julia Holter in den letzten Jahren bereits größeres Aufsehen und Vergleiche mit Laurie Anderson oder Kate Bush. Holter, die vorher Komposition studierte, bewegt sich im Spannungsfeld von zeitgenössischer Musiktechnologie und künstlerischen Einflüssen, die bis in die griechische Antike zurückreichen. Hintergrund ihres Debütalbums Tragedy (2011), geprägt durch Field Recordings, stimmliche Verfremdungseffekte und aufflackernder Pop-Melodik, war das Stück „Hippolytus“ von Euripides. War das Nachfolgewerk Ekstasis (2012) weniger konzeptionell ausgerichtet und auf manchen Tracks deutlicher dem Pop zugewandt, lehnt sich ihr diesjähriges Album Loud City Song an die Musical-Adaption des Romans „Gigi“ von Sidonie-Gabrielle Collette an. Entstanden ist ein kontrastreicher Streifzug durch urbane Landschaften, in denen Dynamik, Rhythmus und Spannungsaufbau noch weiter ausgereizt werden. Eingespielt wurde das Album diesmal mit einem festen Ensemble an Musikern – eine Konstellation, in der Julia Holter auch wieder auf europäischen Bühnen unterwegs war und uns dabei vor ihrem Konzert im Leipzig ein paar Fragen beantworten konnte.

Du hast letztes Jahr in den USA, Australien, Kanada und Europa gespielt. Glaubst du, dass es einen Unterschied zwischen dem Publikum in Europa und dem in Nordamerika gibt?

Ich denke nicht, dass es einen großen Unterschied gibt. Die Veranstaltungsorte sind in Europa meistens schöner, das macht es manchmal angenehmer, hier zu spielen. Das deutsche Publikum ist, wie ich finde, oft sehr ruhig und hört sehr genau zu. Obwohl ich generell sagen würde, dass wir immer ein sehr respektvolles Publikum haben. Ich bin meistens als Headliner aufgetreten, nicht im Vorprogramm, weil ich das einfach lieber mache. Die Leute sind meistens respektvoll. Wir haben ein kleineres Publikum als wir es hätten, wenn wir als Vorband bei großen Konzerten auftreten würden, aber ich mag die Intimität.

Habt ihr in Amerika ein größeres Publikum?

Nein, hier ist es viel größer.

Du spielst dieses Mal mit einer richtigen Live-Band. Beeinflusst das auf irgendeine Art Dein Songwriting?

Alle meine Platten sind unterschiedlich. Als ich „Loud City Song“ schrieb, habe ich an andere Musiker gedacht. Also war wahrscheinlich der Prozess ein etwas anderer. Poetisch gesehen hat es keinen Einfluss, vielleicht einen kleinen. Bis vor eineinhalb Jahren war ich noch nie auf Tour, also dachte ich, ich muss mit der Band touren. Ich war auch schon allein auf Tour, aber das waren nur ein paar Soloshows in den USA. Es ist großartig, ich mag es sehr, mit einer Band aufzutreten.

Dein neues Album ist sehr atmosphärisch und vermittelt eine filmische Stimmung, es gibt außerdem viel mehr Drama und Spannung. Du wurdest durch Literatur und Film beeinflusst, vor allem von der Novelle „Gigi“. Gibt es Bands, von denen du inspiriert wurdest oder kommen deine Einflüsse wirklich mehr aus Literatur und Film?

Ich mag eine Menge Musik, aber ich glaube die meisten meiner Inspirationen sind nicht musikalischer Art. Seit ich zwölf war, habe ich nonstop The Smiths gehört. Aus irgendeinem Grund habe ich sie auch kürzlich viel gehört, aber ich würde nie sagen, dass ich von The Smiths inspiriert wurde. Es ist komisch, weil das Dinge sind, die ich mag. Aber ich würde es nie hören und denken, dass ich auch so etwas machen könnte. Es ist total anders als meine Musik. Ich glaube werde mehr vom Film beeinflusst, vor allem von der Blickbewegung.

Dein neues Album erinnert mich sehr an Barry Adamsons „Moss Side Story“. Das war ein Konzeptalbum über die Gegend in Manchester, in der er aufgewachsen ist. Ich dachte dabei an die Idee der Stadt als Gestaltungsmittel. Geht es bei dem Album auch um Los Angeles?

Es geht nicht um L.A., es versucht eher eine Kulisse für eine Stadt zu erschaffen. Als ich es schrieb, habe ich vielleicht an L.A. gedacht, oder an Paris, wo „Gigi“ spielt. Aber ich würde nicht sagen, dass es über L.A. ist… aber es kann so sein. Es gibt keine Kulisse, die ich erzwingen möchte, aber es könnte L.A. sein, wenn man es so haben möchte.

Die Songs wirken alle sehr urban. Lieder wie „Maxim’s I“ sind fast schon cabaret-artig/ kabarettistisch, dann gibt es aber auch tiefere Songs wie „Hello Stranger“ oder „City Appearing“…
Viele dieser Songs sind stark inspiriert von Szenen in dem Musical. Ich könnte jetzt alle Songs und die einzelnen Szenen aufzählen, wenn du es genau wissen möchtest. Wenn du dir den Film anschaust, wirst du es vielleicht bemerken.

Also ist das Album von den visuellen Motiven beeinflusst?

Es ist sehr durch das Musical beeinflusst, was überraschend ist, weil es wie ein Hollywood-Musical ist. Aber man macht eben das, was man kennt und ich kenne dieses Musical sehr gut, ich bin damit aufgewachsen. Und dabei schaue ich nicht einmal so gern Musicals, aber es war eben da.

In letzter Zeit gibt es einige Musiker, die elektronische Avantgarde mit Pop vermischen, wie zum Beispiel Maria Minerva oder Laurel Halo. Hörst du einige der aktuellen Musiker?

Ja, ich höre Laurel Halo, ich liebe Laurel. Leider kommt die Musik, die ich höre, meistens von meinen Freunden. Es ist für mich völlig natürlich, dass man mag, was die eigenen Freunde machen, denn genau deshalb sind sie für dich als Menschen interessant, also auch als Künstler. Ich hoffe das kommt jetzt nicht falsch an. Aber ich bin auch ein großer Fan von Laurels Musik, vor allem ihrer neuen Platte. Ich glaube ihre Musik ist ganz anders als meine. Außerdem mag ich die Musik meiner Freundin Ramona, Nite Jewel.

Sie hat letztes Jahr auch hier in Leipzig gespielt.

Oh, cool. Sie ist eine sehr, sehr interessante und brilliante Musikerin. Genau wie ihr Mann, der mit mir gemeinsam die Platte produziert hat. Ich bin da etwas voreingenommen. Aber ich mag auch sehr viele Musiker, die ich nicht persönlich kenne. Ein Problem ist, dass ich mich nicht genug auf dem Laufenden halte, was die aktuelle Musik angeht. Heute habe ich Tame Impala gehört, das ist neu, oder? Ich kenne sie nicht so gut, aber es scheint gut zu sein. Übrigens hat meine Mutter die Platte gekauft, meine Eltern sind ziemlich cool.

Es ist gut, wenn man Eltern hat, die auf dem neusten Stand bleiben. Von der klassischen Ausbildung abgesehen hast du auch Komposition studiert, aber du bist Autodidaktin, was die Produktion angeht. Also hast du verschiedene Herangehensweisen an die Musik. Sind das Schreiben von Popmusik und klassischer Musik für dich zwei gegensätzliche Dinge?

Wenn ich Musik mache, versuche ich nicht daran zu denken, was das für eine Art von Musik ist, weil es im Grunde den ganzen Vibe herausnimmt. Man muss nur herausfinden, was man poetisch gesehen damit anstellen will. Das bringt mich dann unterbewusst weiter, musikalisch. Das ist nichts, was ich strategisch betrachte. So wie meine Songs am Ende werden hat viel damit zu tun, was vorher sehr intuitiv passiert ist. Es ist kein Plan, den ich gemacht habe, es passiert irgendwie natürlich, aber nicht auf eine klare und logische Weise. Ich setze mich einfach ans Klavier und habe ein paar Worte geschrieben, dann spiele ich diese Worte und was auch immer dabei herauskommt, wenn es funktioniert, nutze ich es später.

Junge Künstler haben durch das Internet heutzutage Zugang zu einer großen Auswahl an Musik, wo man grundsätzlich alles anhören kann, was jemals veröffentlicht wurde. Glaubst du, dass es trotzdem möglich ist, noch etwas zu produzieren, was einzigartig ist?

Darüber denke ich wirklich nicht viel nach. Man macht nie etwas völlig Einzigartiges. Die Leute waren überrascht, dass ich Material aus einer griechischen Tragödie für das „Tragedy“-Album benutzt habe. Die ganze Historie der Kunstproduktion ist ein System des Borgens. Wir borgen uns Dinge von den vorangegangenen Generationen. Nichts wird jemals wirklich einzigartig sein, die Idee der Einzigartigkeit ist vielmehr ein Konzept, das in jedem Fall auch komplett zerstört werden kann. Es ist also schwer zu sagen, ob etwas einzigartig ist.

Mein Eindruck ist, dass die jüngeren Leute, die mit dem Internet aufgewachsen sind, sehr verschieden Geschmäcker haben, sie hören nicht nur eine bestimmte Art von Musik.

Das stimmt, es passiert einfach. Ich weiß nicht, ob es etwas Gutes ist, es ist einfach so. Für mich ist das in Ordnung, so liegen die Dinge eben. Es ist auch interessant, dass es einmal nicht so war.

Was denkst du darüber, dass immer mehr Leute elektronische Musikprogramme nutzen? Ist das eine demokratische Angelegenheit, dass man anspruchsvolle Software nutzt, ohne über musikalisches Vorwissen zu verfügen?

Es ist einfach das, was es ist. Ein Instrument ist ein Instrument. Ich finde nicht, dass man Musik unbedingt studiert haben muss. Ich glaube, man macht es dann anders, aber es macht es nicht besser, wenn du Musik studierst. Das ist etwas, woran ich persönlich nicht glaube. Manche Leute haben Standards und sie sagen, dass man Musik studieren muss. Ich denke, dass man ein starkes poetisches Feingefühl haben, hart arbeiten und sich konzentrieren muss. Man kann es aber selbst lernen. Ich denke, dass ein Großteil der akademischen Musikwelt oder Musik zu studieren im Allgemeinen ein Klassending ist. Manche Leute haben einfach nicht die Möglichkeiten. Macht sie das zu schlechteren Musikern? Nein, das glaube ich nicht.

Gibt es Überschneidungen vom akademischen Ansatz, (das heißt) den avantgardistischen Kompositionen mit der Popwelt?

Ich habe viele Freunde, die Komponisten sind und deren Musik die Tradition von John Cage ausstrahlt. Sie machen neue Sachen, aber sie wurden stark durch John Cage inspiriert. Ich trete auch mit der Musik meiner Freunde auf, so arbeite ich mit verschiedenen Arten von Musik. Natürlich kann ich die Unterschiede einigermaßen erkennen, aber ich sehe sie nicht als große Hindernisse.

Du erwähntest, dass du oft die Musik hörst, die deine Freunde gemacht haben. Gibt es im Moment in L.A. irgendeine interessante Musikszene?

Ich weiß nichts über die Musikszene in L.A., ich bin zu selten da. Dort ist es sehr kompliziert. Ich glaube, es gibt dort gar keine feste Szene mehr. Es ist vielmehr so, dass sie alle Individuen in ihrer eigenen Welt sind, weil alles sehr verstreut ist.

Vor ein paar Jahren bist du auf der Kompilation „4 Women No Cry“ von Gudrun Gut aufgetaucht. Würdest du in Betracht ziehen, wieder mit ihr oder ihrem Label zusammen zu arbeiten?

Auf jeden Fall würde ich wieder mit ihr arbeiten, natürlich. Lucrecia [Dalt], die heute Abend mit uns spielt, war auch auf der Compilation, so haben wir uns übrigens kennengelernt. Gudrun ist wirklich cool, weil sie Stil hat. Ich mag das, was sie macht und ich liebe ihr Plattenlabel.

Interview: Matthias Freytag

Übersetzung: Peggy Spitzner

Das Interview erschien in gekürzter Version im Original in der Ausgabe 5 Get Happy!?-Magazins.

Gerald, Deine Texte sind ja ursprünglich nicht als Liedtexte entstanden, sondern als Gedichte…

Gerald Grundmann: Genau. Ich habe mir zwar schon lange Zeit Musik dafür gewünscht, schreibe die Texte aber immer so, dass sie für sich selbst stehen können. Da ich selber keine Musik komponiere, habe ich auch nicht unbedingt welche im Kopf, wenn ich schreibe. Manchmal, wenn ich Werke von anderen Komponisten höre, kann es sein, dass der Rhythmus oder die Melodie noch etwas in mir nachwirkt und sich dann in einem Text auswirkt, aber insgesamt eher selten. In der Regel stehen die Texte einfach für sich. Aber ich habe mich natürlich sehr gefreut, dass Andreas sich dafür begeistert hat, mein Wunsch nach ihrer Vertonung jetzt also erfüllt wird.

Andreas Güstel: Gerald, lass uns mal überlegen: Wir haben uns ein Jahr, bevor wir unsere erste Probe hatten, zum ersten Mal getroffen und waren begeistert. Dann wolltest Du mir, glaube ich, noch eine E-Mail schreiben, das hat ungefähr ein Jahr gedauert…

Grundmann: War das wirklich so lang?

Güstel: Es war ein Jahr! Ich habe mit Freunden schon darüber Witze gemacht, aber schließlich hat es doch noch geklappt, und zwar, weil ich von dieser Textqualität so beeindruckt war! Es gibt kaum jemanden, der in dieser Zeit noch solchen Stil vertritt. Mit dieser Sprache.

Was meinst Du mit „dieser Zeit“?

Güstel: Wenn wir uns die postmoderne Lyrik anschauen, ist sie ja meistens nicht mehr an klassische Formen, wie z.B. das Sonett, gebunden, und bei Goethe… Bei Gerald hat man das Gefühl, er ist am Ende der Romantik stehen geblieben und kennt keine postmoderne Literatur. Und er misst sich an den alten Vorbildern, was ich toll finde.

Nun ja, zwischen Romantik und Postmoderne liegen ja noch ein paar Sachen dazwischen…

Güstel: Stimmt, aber ich finde es total klasse, dass Gerald das „alte Handwerk“ noch so pflegt.

Gerald, wie würdest Du das selber sehen: Findest Du, Deine Texte sind klassisch?

Grundmann: Ich sage manchmal scherzhaft: Ich bin so etwas wie der letzte Überlebende des 18. Jahrhunderts, aber…

Also doch noch eher von der Aufklärung geprägt, bevor dann die Romantiker alles gefühlsmäßig „zersetzt“ haben?

Grundmann: Ein bisschen vielleicht, aber wenn, dann ist es eine selbstreflexive Aufklärung. Ich schreibe ja keine Lehrstücke, bei denen am Schluss die Moral von der Geschichte kommt.

Güstel: Aber was ist denn der Grundtenor von diesen Stücken? Das habe ich mich selber gerade gefragt. Das liegt wohl daran, dass ich mir die Texte schlecht merken kann.

2013  11. 29.  Andreas - Promobild 1

Foto: Kristina Schippling

Grundmann: Ich hoffe, es klingt nicht zu bösartig, wenn ich das sage, aber manchmal habe ich das Gefühl, Andreas versteht die Texte gar nicht wirklich oder er legt keinen besonderen Wert darauf, sie zu verstehen. Als Autor könnte ich darüber beleidigt sein, aber wenn ich sehe, was er trotzdem – oder gerade deswegen – kompositorisch zu Wege bringt, kann ich es ihm nicht übel nehmen. Er arbeitet einfach anders.

Ist es nicht manchmal sogar die Basis für große Kunst, wenn zwei Leute sich erst verständigen müssen?

Grundmann: Vielleicht. Es ist bei uns tatsächlich so, dass wir einfach aufgrund von Talent oder Nicht-Talent eine ganz klare Aufgabenteilung haben.

Güstel: Ich gebe es zu: Ich kann mich sehr begeistern für eine gewisse sprachliche Eleganz, sie aber inhaltlich nicht mit derselben Konsequenz aufnehmen wie Gerald. Das mag in gewisser Hinsicht problematisch sein, bedingt aber vielleicht auf der anderen Seite mein Talent für Melodien oder Kompositionen.

Grundmann: Du hast ja auch eine leichte Lese-Rechtschreib-Schwäche. Auch das spricht dafür, dass bei Dir eher die rechte Gehirnhälfte stärker ist, und bei mir wohl das Sprachzentrum. Wenn ich selber darüber nachdenke, woher meine Stilvorliebe kommt, würde ich vermuten, dass sie mit meiner literarischen Sozialisation zu tun hat. Ich habe mich im Studium sehr mit der Goethe-Zeit beschäftigt und mich stark für deren Werke begeistert. Ich kann einfach nicht umhin, sie als die größten zu betrachten, die je auf deutschem Boden geschaffen wurden. Und zwar in allen Bereichen: Musik, Literatur, Philosophie. Ich versuche nun keineswegs, sie zu imitieren, aber sie haben meinen Geschmack und mein Empfinden auf jeden Fall sehr geprägt.

Insgeheim halte ich es wohl auch insgeheim ein bisschen mit John Lennon, der einmal gesagt hat: „Avantgarde is french for bullshit.“ Ich habe den Verdacht, dass viele Künstler, die sich avantgardistisch nennen und immer etwas ganz Modernes machen wollen, das nicht zuletzt aus einer gewissen Furcht heraus tun. Aus der Furcht, sich mit den großen Vorbildern nicht messen zu können, entziehen sie sich von Vorneherein der Vergleichbarkeit. Und wenn dann manche von ihnen auch noch abfällig über vergangene Leistungen reden und behaupten, sie seien altmodisch oder abgedroschen, finde ich das vermessen und ungerecht. In Wahrheit fehlt es da wohl einfach an Verständnis und so wird versucht, aus der Not eine Tugend zu machen.

Ich finde übrigens, dass diese Kategorie Altmodisch-Neumodisch überhaupt nicht funktioniert. Für mich gibt es eigentlich nur Gut oder Schlecht, jeder Text in jeder Stilrichtung kann beides sein. Deshalb versuche ich immer, gute, elegante und hochwertige Texte schreiben, die trotzdem keine inhaltlichen Abstriche in Kauf nehmen. Entsprechend bin ich auch nicht der Meinung, dass etwas, was sprachlich elegant ist, inhaltlich konventionell sein muss. Auch das sind Kategorien, die völlig unabhängig voneinander stehen. Ich finde sogar einen Text gerade dann besonders gelungen, wenn er mit sprachlicher Klasse und einer gewissen inneren Schönheit daherkommt, um die Abwehrmechanismen, die der konventionelle Hörer hat, geschickt zu umgehen und den „Passierschein“ von ihm zu erhalten, danach aber seine subversive oder irritierende Kraft im Inneren umso heftiger entfaltet. Wie ein trojanischer Text, wenn man so will. Ich versuche also nicht, formal zu provozieren, weil ich das platt finde. Aber meine Texte tun es inhaltlich manchmal doch. Nach meiner Meinung sollte Literatur das nämlich auch: Irritieren, Provozieren, Selbstverständlichkeiten anrütteln und die Leute dazu bringen, über bestimmte Dinge noch einmal neu nachzudenken, die sie schon für erledigt hielten. Aber ich glaube nicht, dass es dafür sinnvoll ist, formal zu provozieren, weil es die Leute abschreckt, bevor sie sich mit dem Inhalt auseinandergesetzt haben.

Wenn Du sagst, dass Avantgarde-Künstler Vergleichsmöglichkeiten von Vornherein vermeiden, würdest Du dann umgekehrt von Dir sagen, dass Du diese Vergleichsmöglichkeiten suchst?

Grundmann: Es ist nun keineswegs so, dass ich jeden Tag darüber nachdenke und mir z.B. ein Goethe-Gedicht vornehme und sage: „Dich will ich heute übertreffen.“ Schreiben ist ja zum Glück kein Sport. Ich schreibe einfach so, wie ich das für gut, schön und irgendwie richtig halte und wie es sich für mich gut anfühlt. Aber was sich für mich gut anfühlt, hat natürlich damit zu tun, was ich gelernt und als Dichtung kennengelernt habe. Viele klassische Verse sind mir wohlvertraut, und da ich sie immer geschätzt und bewundert habe, geben sie mir sicherlich unterbewusst eine gewisse Orientierung. Und wenn ich mal plakativ sprechen darf: Ich würde lieber mein Leben lang an Goethe scheitern als mich feige in die Büsche zu schlagen und es nie zu versuchen. Vielleicht kann ich das Niveau meines Scheiterns mit jedem Tag steigern, bis es eines Tages keines mehr ist. Aber wenn wir das jetzt so betonen, entsteht der Eindruck, das wäre mein Programm oder als hätte ich einen epigonalen Ansatz. In Wahrheit schreibe ich nur so, weil mir es so gefällt.

Du hast vorhin gesagt, dass Du Dich als einer der letzten Künstler verstehst, der noch der Tradition der Aufklärung entstammt. Die Songs, die ich bisher gehört habe, drehen sich aber auch sehr um Gefühle. Würdest Du sagen, dass es persönliche Texte sind oder zielen sie eher auf öffentliche Themen ab?

Grundmann: Wie gesagt, ich verfolge kein bestimmtes Programm, sondern mache immer das, was mich betrifft oder mir auf der Seele liegt, so dass ich das Gefühl habe, es unbedingt sagen zu müssen. Das können sowohl persönliche als auch öffentliche oder grundsätzliche Themen sein – und in gewisser Weise sogar beides gleichzeitig.

Natürlich hat ein Text manchmal einen ganz persönlichen Anstoß und ist Ausdruck einer sehr konkreten Betroffenheit. Dennoch schreibe ich keine konkreten Texte über Konkretes. Du wirst es bei mir nie erleben, dass persönliche Anspielungen oder sogar bestimmte Personen in meinen Texten vorkommen. Vielmehr schreibe ich über das, worauf ich durch konkrete Dinge gebracht werde oder was dahinter steckt. Ereignisse oder Begegnungen, die mich inspirieren, verarbeite ich nie direkt, sondern versuche immer zu beobachten, was sie in mir auslösen oder auf welche Gedanken sie mich bringen. Ich will den Hintergründen nachspüren und das Unsichtbare hinter dem Sichtbaren zu Tage fördern: Das, was zwar gleichzeitig stattfindet oder sogar die Ursache darstellt, aber meistens übersehen wird und wofür es auch keine Sprache gibt. Folglich geht es immer auch darum, eine Sprache für das Unaussprechliche zu finden. Da ich konkreten Spuren folge und dahinter etwas Grundsätzliches finde, sind die Texte immer persönlich und allgemein zugleich.

Aber Du sprachst ja von den Liedern, die Du bisher gehört hast: Es stimmt, dass in dieser Auswahl die persönlichen, oder sogar romantischen Hintergründe ein wenig dominieren, aber das liegt auch daran, dass Andreas diese Texte immer besonders gerne vertont. Bei den eher gedankenlyrischen Sachen muss ich dagegen immer hinterher sein, damit wir sie angehen. Deshalb hinken sie mengenmäßig noch ein wenig hinterher.

Du hattest ja vorhin gesagt, dass Andreas immer einen emotionalen Anstoß braucht, um die Texte musikalisch umzusetzen. Kommen wir also noch einmal zur Musik: Wie kam denn Eure gemeinsame Arbeit zustande?

Güstel: Ein gemeinsamer Freund bzw. Kollege von uns hatte die Verbindung hergestellt. Gerald hat mir dann Gedichte von sich gezeigt und ich war völlig weg. Ich habe ja schon öfters mit Lyrikern zusammengesessen und mir etwas von ihnen angehört, habe mir sogar von Preisträgern Texte schicken lassen, die Interesse an einer Zusammenarbeit hatten. Aber die haben mich nie so berührt, als ich sie gelesen habe. Das war der Auslöser. Und deshalb habe ich auch nicht losgelassen und immer wieder nachgehakt, als Gerald fast ein Jahr lang gebraucht hat, um mir nach unserem ersten Kontakt wieder zu schreiben.

Grundmann: Ich glaube, es würde jetzt zu weit führen, das genauer zu erklären, aber ich gestehe, dass ich in der Vergangenheit durchaus Phasen von einer gewissen Dunkelheit hatte, in denen ich relativ wenig zustande bekommen habe. So konnte ich zum Beispiel vor 2013 etwa vier Jahre lange fast nichts schreiben, zumindest nichts Literarisches. Wenn dich gewisse Dinge im Leben sehr stark treffen, bist du tatsächlich erst einmal sprachlos. Es gibt Phasen im Leben von buchstäblicher Sprachlosigkeit. Und die sind keineswegs angenehm. Ans Schreiben ist erst dann wieder zu denken, wenn ein aktiverer Modus erreicht ist, in dem du nicht mehr bloß Opfer eines Gefühls oder eines Gedanken bist, sondern dazu übergehen kannst, ihn zu verarbeiten. Schreiben ist insofern eine Form dieser Bewältigung. Nietzsche hat das einmal gesagt: „Ich schreibe nur, was ich hinter mir gelassen habe.“ Vielleicht ist das ein wenig zugespitzt, aber in gewisser Weise stimmt es schon. Sobald man schreibt, ist man ein aktiver Teilnehmer an der eigenen Psyche, der seinen Gedanken Form und Ausdruck verleiht und sich dadurch über sie ermächtigt, während es zu einer anderen Zeit durchaus sein kann, das man umgekehrt von ihnen beherrscht wird.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich meine Texte nicht so gut auswendig kann. In dem Moment, da sie geschrieben sind, betrachte ich sie im Grunde als erledigt und beschäftige mich kaum noch damit. In den letzten Jahren bin ich auch wesentlich sicherer geworden, was den ersten Versuch betrifft. Es kommt kaum noch vor, dass ich Texte später komplett verwerfe oder sehr stark umschreibe. Bis auf wenige Korrekturen sind sie meistens fertig. Die Niederschrift ist im Grunde das Ende des Schaffensprozesses – nicht der Anfang, wie für Andreas, der sie vertonen will. Danach ist meistens schon wieder etwas Neues dran.

Eure Songtitel kommen ja auch nur selten aus Zeilen der Songs.

Grundmann: Ja, die Titel bestehen nicht immer aus einer Zeile des Liedes. Deshalb kam es schon vor, dass ich selber nicht mehr so genau wusste, wie das Lied, um das es gerade ging, eigentlich heißt – vor allem bei älteren Stücken.

Güstel: Wenn wir komponieren, versucht mir Gerald immer eine Erklärung seiner Texte zu geben, damit wir in die richtige Stimmung eintauchen. Aus diesem Subkontext und aus diesem Gefühl heraus entwickelt sich dann die Musik.

Demnächst wollt Ihr ja auch einige Konzerte spielen. Erzählt mal über Eure nächsten Pläne!

Grundmann: Andreas hatte kurzfristig die Idee, dass wir uns für das Festival in Rudolstadt im nächsten Jahr bewerben sollten. Für die Straßenmusik, die im Umfeld stattfindet, könnte es klappen. Dafür müssen wir jetzt verschiedene Live-Konzerte spielen. Wir haben in aller Eile zwei kleinere Auftritte in Leipzig organisiert. Es geht dabei auch darum, Sicherheit und Praxis zu gewinnen, weil ich ja bisher kein sehr erfahrener Bühnensänger bin. Im Grunde bin ich nur ein Autor, der versucht, seine eigenen Texte zu singen. Das klappt zwar meistens schon ganz gut, aber die Live-Situation auf der Bühne ist noch einmal etwas völlig anderes als die in vertrauter Umgebung am heimischen Klavier. Der Hintergrund ist, dass wir im nächsten Jahr unser erstes größeres eigenes Konzert veranstalten wollen, bei dem wir alle unseren bisherigen Arbeiten präsentieren. Das wird am 12. April 2014 in der Evangelisch-reformierten Kirche Leipzig stattfinden. An diesem Abend wollen wir mindestens 20 Weltpremieren liefern und dafür höchstens 5€ Eintritt verlangen.

Zwanzig Weltpremieren? Wollt ihr die über Skype auch gleich in der ganzen Welt verbreiten?

Grundmann: Nicht ganz, aber wir wollen schon versuchen, eine Aufzeichnung zu machen, um auf diesem Wege eine gewisse mediale Präsenz zu erreichen. Mal sehen, ob es klappt. Ich hoffe, dass ich Mitstreiter finden kann, die Film studieren oder anderweitig in diesem Bereich arbeiten und Lust haben, eine Konzertaufzeichnung zu machen. Wir haben selber nicht die Mittel, um jemanden dafür zu engagieren, sind aber immer an Kooperationen interessiert. In erster Linie wünschen wir uns, dass es ein tolles Konzert wird, damit wir mit dem Projekt einen würdigen Einstand haben.

Warum findet das Konzert in einer Kirche statt? Hat das eine spezielle Bewandnis?

Grundmann: Keine Sorge, wir wollen nicht predigen oder die Leute missionieren. Die Kirche hat einfach einen sehr schönen Saal, der uns ästhetisch und akustisch sehr gut gefällt. Als Hugenottenkirche sieht sie sehr untypisch aus und eignet sich besser für Konzerte als die meisten Säle. Der Innenraum ist nicht wie in anderen Kirchen in Schiffe eingeteilt, wo in Reih und Glied die Bänke stehen, sondern komplett durchgängig und hat Sitzreihen, die sich im Halbrund um die Mitte ordnen. Fast wie in einem Amphitheater, allerdings flach und oben mit umlaufender Empore. Außerdem gibt es keine Kruzifixe oder sakrale Bildnisse, weil die bei den Hugenotten nicht erlaubt sind. Wenn es also keine Kanzel und keinen Altar gäbe, könnte man glatt übersehen, dass es eine Kirche ist.

Der Plan klingt ja relativ ambitioniert für ein so junges Projekt. Wird es vorher noch andere Auftritte geben?

Grundmann: Ja, ähnlich wie am kommenden Sonntag wollen wir in Zukunft noch öfter kleinere Konzerte von etwa 45 Minuten Länge geben, sofern die jeweiligen Spielstätten uns das erlauben.

In Leipzig oder auch anderswo?

Grundmann: In Leipzig, aber vielleicht auch in Halle. Einerseits, um Bühnenerfahrung zu sammeln, und andererseits, um das Publikum auf das Projekt aufmerksam zu machen, damit das Konzert im April kein Fiasko wird. Es wäre schließlich schade, wenn der schöne Saal am Ende völlig leer bliebe. Wir sind uns des Risikos bewusst, aber die Chance auf ein richtig schönes Konzert zum Einstand ist es uns wert. Deshalb werden wir alles dafür tun, dass es ein Erfolg wird.

Diesen Erfolg wünschen wir euch. Und wenn Ihr wollt, können wir unser Gespräch gerne bei nächster Gelegenheit fortsetzen.

Grundmann: Sehr gerne.

Güstel: Vielen Dank!

Interview: Matthias Freytag

MUSIK-FAVES 2012

TRACKS

1.   ZebraKatz feat. Reddd Foxxx – Ima Read

2.   Emeli Sandé – Heaven

3.   Beth Jeans Houghton & The Hooves Of Destiny – Sweet Tooth Bird

4.   Cat Power – Manhattan

5.   CocoRosie – We Are On Fire

6.   Nina Kraviz – Ghetto Kraviz

7.   THEESatisfaction – Queens

8.   Little Boots – Every Night I Say A Prayer

9.   Angel Haze – This Is Me

10. Tamaryn – While You’re Sleeping, I’m Dreaming

11. Polica – Lay Your Cards Out

12. Ajukaja & Maria Minerva – Nii Hea

13. Sylver Tongue – Creatures

14. Mykki Blanco – Betty Rubble

15. Emeli Sandé – Next To Me

16. Animal Collective – New Town Burnout

17. Bat For Lashes – Laura

18. Dirty Projectors – Gun Has No Trigger

19. Crocodiles – Sunday (Psychotic Conversation #9)

20. Laing – Morgens Immer Müde

21. Kyla La Grange – Heavy Stone

22. Planningtorock – Patriarchy (Over & Out)

23. Angel Haze – Sufferings First

24. Mykki Blanco – Mendecino California

25. Beth Jeans Houghton & The Hooves Of Destiny – Dohecahedron

26. MS MR – Hurricane

27. Las Kellies – Erase You

28. Sleigh Bells – Born To Lose

29. Savages – Flying To Berlin

30. Cooly G – Trouble

 

ALBEN

1.   Laurel Halo – Quarantine

2.   THEESatisfaction – Awe Naturale

3.   Grimes – Visions

4.   Angel Haze – Reservation

5.   Julia Holter – Ekstasis

6.   Cat Power – Sun

7.   Phillip Boa & The Voodooclub – Loyalty

8.   Cooly G – Playin‘ Me

9.   Mykki Blanco – Cosmic Angel: The Illuminati Prince/ss

10. Emeli Sandé – Our Version Of Events

FILME 2012

SPIELFILME

 

1. Les Amours Imaginaires (CAN, Xavier Dolan)

2. Shame (UK, Steve McQueen)

3. Guilty Of Romance (JPN, Shion Sono)

4. We Need To Talk About Kevin (USA/UK, Lynne Ramsay)

5. Kairo 678 (EGY, Mohamed Diab)

6. West Is West (UK, Andy de Emmony)

7. Police, Adjective (ROM, Corneliu Porumboiu)

8. Drive (USA, Nicolas Winding Refn)

9. A Torinói Ló [Das Turiner Pferd] (HUN, Béla Tarr/Ágnes Hranitzky)

10. L’Age Atomique (FRA, Héléna Klotz)

 

DOKUMENTARFILME

 

1. The Ballad Of Genesis and Lady Jaye (USA/UK/D/NED/FRA/BEL, Marie Losier)

2. Empire Me (AUT/LUX/D, Paul Poet)

3. Virgin Tales (CH/FRA/D, Mirjam von Arx)

4. Sound It Out – The Very Last Record Shop (UK, Jeanie Finlay)

5. Bar 25 – Tage Außerhalb der Zeit (D, Britta Mischer/Nana Yuriko)

6. Soukromý Vesmír [Private Universe] (CZE, Helena Trestíková)

7. Work Hard, Play Hard (D, Carmen Losmann)

8. Creativity And The Capitalist City (D, Tino Buchholz)

9. Der Traum lebt mein Leben zu Ende (D, Katharina Schubert)

10. Besser Anders (D, Doris Schneider/Sebastian Hirsch)

INTERVIEW: ANJA PIOCH

Dieses Interview erschien bereits einmal im August 2011 auf dem Online-Portal generation-news.eu im Rahmen der Fussball-Weltmeisterschaft der Frauen in Deutschland. Anja Pioch, die seit 20 Jahren als Spielerin aktiv ist und derzeit bei Roter Stern Leipzig spielt, sprach hierbei über die Möglichkeiten des Turniers für die Entwicklung des Frauenfußballs.

Zum Zeitpunkt Deines Karrierebeginns war Frauenfußball noch nicht so professionalisiert wie heute. Wie war die Situation damals und wie hast du als Spielerin die Entwicklung aus sportlicher Sicht erlebt?

ANJA PIOCH: Als ich 1991 angefangen habe, gab es keine Mädchenmannschaften und nur wenige Vereine, in denen Fußball für Frauen angeboten wurde. Das Spielniveau ist seitdem ebenso gewachsen wie das Trainingsniveau: Zu meiner Anfangszeit sind wir nur gerannt, da dachte ich, dass wir für die Leichtathletik-WM trainieren. Mittlerweile sind mehr ausgebildete Trainer und Trainerinnen in den Bereich Frauenfußball hinein gegangen, Struktur und Wissen sind dazu gekommen.

Die WM der Frauen wurde teilweise von sehr fragwürdigen Werbeaktionen begleitet, die nicht die Qualität, sondern die Attraktivität der Spielerinnen in den Vordergrund rückten. Inwiefern hat sich das öffentliche Bild des Frauenfußballs gewandelt?

AP: Ein Wandel findet schon seit dem Gewinn des WM-Titels in den USA 2003 statt und wird stark vom DFB forciert. In den neunziger Jahren hat man immer von „Mannsweibern“ gesprochen. Der gängige Tenor war, dass die Spielerinnen stets homosexuell sein müssten und dieses Bild war sehr negativ belegt. Wobei überhaupt nichts Schlimmes daran ist, athletisch auszusehen. Aber dieser Image-Wandel wird von sehr vielen getragen. Monika Staab, die in den achtziger und neunziger Jahren im Frauenfußball als Spielerin, Trainerin und Förderin viel bewegt hat, erwähnte neulich auf einem Vortrag, dass Birgit Prinz lange Haare trägt, seit sie 2004 in Amerika war. Das ist für das Sportliche komplett unwichtig, sondern nur für ökonomische und mediale Gesichtspunkte. Es gibt ein bestehendes Rollenbild, wie Frauen auszusehen haben, das ganz stark bedient wird. David Beckham ist bei den Männern eine solche Ikone: Ein Bild, das sich gut verkaufen lässt und das viele nachahmen. Da nimmt sich der Frauenfussball nicht aus.

Die andere große Vermarktungskampagne war der Patriotismus, indem die WM der Frauen als Fortsetzung des „Sommermärchens“ 2006 inszeniert wurde. Wie siehst Du diesen Aspekt?

AP: Ich glaube nicht, dass das Patriotische eine große Rolle gespielt hat, da die Zuschauer in den Stadien recht unvoreingenommen waren. Bei den Deutschland-Spielen gab es Pfiffe gegen das deutsche Team, beim Spiel USA gegen Nordkorea in Dresden habe ich erlebt, dass gute Aktionen beider Teams mit Beifall belohnt wurden. Es fand halt zeitlich kein anderes Event statt, das mit der Aufmerksamkeit einer WM vergleichbar ist. Außerdem hat der DFB seine Werbepartner auf das Event fokussiert, wodurch es für Medien und Sponsoren als ein Muss gesehen wurde.

Glaubst Du, dass das Interesse nach der WM in irgendeiner Form erhalten bleibt?

AP: Mein Gefühl sagt mir, dass es keine größere Relevanz erhalten wird, weil es wirtschaftlich nicht stark genug ist. Im Schnitt kommen in der Bundesliga meist nur um die 700 Zuschauer, wobei Turbine Potsdam, FFC Frankfurt und FCR Duisburg klar herausstechen. Interessant wird, wie die Vereine an die potentiellen Zuschauer treten. In Jena z.B. ist es so, dass man bei einem Kauf einer Karte eines Basketballspiels zusätzlich ermäßigt ein Frauenfußballspiel des USV Jena ansehen kann. Solche Kooperationsmodelle könnten interessant sein. Aber es wird keinen signifikanten Anstieg geben.

Eine andere Möglichkeit wäre, Spiele von Männern und Frauen stärker miteinander zu koppeln. Ist dies zumindest für Ligaspiele denkbar?

AP: Eine solche Kopplung gab ja schon mal beim DFB-Pokalfinale. Damit waren viele Verantwortliche im Frauenbereich des DFB unzufrieden, weil nur 10.000 Leute im Berliner Olympiastadion waren, wo mit Anpfiff des Männerspiels 70.000 Platz genommen hatten. Allerdings finde ich es auch nicht gut, wenn man Frauenfußball als eine eigene Sportart abgrenzt. Damit verwehrt man Frauen den Zugang in einen Bereich, der in Deutschland ganz klar männlich konnotiert ist.

Die FIFA verbietet in ihren Statuten gemischte Teams, sonst steht in den Regelwerken nichts Genaueres dazu. Auch auf Vereins- und Verbandsebene findet man kaum Frauen. Welche Möglichkeiten könnte es da in Zukunft geben?

AP: In Italien und England ist es möglich, dass Frauen bei Männer-Teams spielen können, beim DFB ist es untersagt. Vergleicht man die wirtschaftlichen Möglichkeiten eines Fußballers und einer Fußballerin, dann sieht man, dass einer talentierten Frau letztendlich ein Berufswunsch verwehrt wird, wenn man ihr nicht die Möglichkeit gibt, in der 4. Liga der Männer zu spielen, wo wesentlich mehr Geld gezahlt wird als in der 1. Bundesliga der Frauen. In den Vereinen selbst und unten an der Basis ist es immer noch außergewöhnlich, wenn sich Frauen engagieren. Managerinnen gab es teilweise, aber das sind rare Ausnahmen. Irgendwann wird es auch eine Trainerin im männlichen Bereich geben, aber das bedarf einer zeitlichen Entwicklung.

Seit der Saison 2009/10 in der Bezirksliga: Das Frauenteam von Roter Stern Leipzig

Seit der Saison 2009/10 in der Bezirksliga: Das Frauenteam von Roter Stern Leipzig

Während der WM sagte die nigerianische Trainerin Eucharia Uche, dass Homosexualität moralisch falsch sei. Bei den Männer ist das immer noch ein absolutes Tabuthema, wie ist das bei den Frauen?

AP: Diese Aussage über einen Priester, der dafür betet, Homosexualität auszutreiben, kommt aus einem Umfeld mit gänzlich anderen Moralansichten. So etwas wird hier natürlich anders verstanden als in Nigeria. Unter den Männern ist Homosexualität kein Thema, da damit Begriffe wie Verweichlichung assoziiert werden. Marcus Urbans Buch „Versteckspieler“ zeigt sehr deutlich, wie schwierig das ist. Bei den Frauen wird es nicht mehr versteckt gehalten. Zwar heißt es immer, dass der DFB niemandem etwas verbietet, aber das sah mal anders aus: Bei der WM nach den „Gay Games“ 1990 gab es eine interne Ansage, dass, wer bei den Gay Games teilnahm, nicht zur WM mitgenommen wird. Es gab damals keine öffentliche Homosexualität oder Bisexualität, wie es heute etwa bei Uschi Holl oder Nadine Angerer der Fall ist. Auch die unterschiedliche Wahrnehmung von Schwulen und Lesben spielt eine Rolle. Einerseits wird bei Frauen nochmal stärker diskriminiert, nach dem Motto „Komm Mädchen, da muss nur mal der Richtige kommen.“, andererseits wird es dadurch nicht in einer so starken Form wahrgenommen.

Würde ein Outing eines bekannten Spielers dieser Sache viel bringen?

AP: Ich hoffe, dass sich niemand so schnell outet, weil scheinbar alle nur darauf warten und es eigentlich Privatsache ist. Es gibt Persönlichkeitsrechte, nach denen man beim Fußballspielen nicht bewertet werden sollte, was für einen Bundesligaspieler ohnehin extrem schwierig ist. Selbst bei meinem Amateurvertrag habe ich Teile meiner Persönlichkeitsrechte abgegeben, weil im Vertrag steht, dass der DFB über meine Bild- und Tonrechte verfügen kann.

Ist es denkbar,dass durch die WM mehr Mädchen oder Frauen dazu animiert werden, selbst Fußball zu spielen?

AP: Ein belächeltes Thema ist es ja nicht mehr, wozu auch der DFB mit der Aktion „Mädchen spielen Fussball“ beiträgt. Anders als vor zehn Jahren wird im Nachwuchsbereich heute gleich viel gefördert wie bei den Männern und es gibt viele Leistungszentren. Den Boom gibt es ja schon spätestens seit dem Gewinn der WM in China 2007. Seitdem sind viele Mädchen in Vereine gegangen. Ich denke, dass das 2011 nochmal verstärkt wird, allerdings nicht sprunghaft. Irgendwann hat man einen Punkt erreicht hat, an dem es keinen starken Zulauf mehr gibt.

Anja Pioch spielt seit 20 Jahren aktiv Fussball. Angefangen hat die Mittelfeldspielerin im Jungsteam, das sie aufgrund von DFB-Regularien später verlassen musste. Während ihrer Karriere spielte sie in verschiedenen Klassen, unter anderem für Leipziger FC 07, Lokomotive Leipzig und zuletzt für den Bundesligisten FF USV Jena. Seit der Saison 2010/11 spielt sie bei Roter Stern Leipzig, einem Verein, dem sie sich bereits länger als Fan verbunden fühlt.

Interview: Matthias Freytag

Hörenswerter Mix von Lassmalaura, die demnächst auch auf der Release Party zum Hate-Magazin an den Decks zu erleben ist!

LPs

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01. Jessica 6 – See The Light

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02. Sandra Kolstad – Crux

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03. Hercules & Love Affair – Blue Songs

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04. Grouper – AIA

05. Ladytron – Gravity The Seducer

06. Matana Roberts – Coin Coin Chapter One: Gens De Couleur Libres

07. Rainbow Arabia – Boys And Diamonds

08. Emika – Emika

09. Skint & Demoralised – Love, And Other Catastrophes

10. PJ Harvey – Let England Shake

11. Joan As Police Woman – The Deep Field

12. Dear Reader – Idealistic Animals

13. Radiohead – The King Of Limbs

14. Yelle – Safari Disco Club

15. Nôze – Dring

 

TOP 50 TRACKS

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01. Purity Ring – Ungirthed

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02. Atari Teenage Riot – Blood In My Eyes

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03. Austra – Lose It

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04. EMA – The Grey Ship

05. Rainbow Arabia – Without You

06. Hercules & Love Affair – Painted Eyes

07. Erleen Nada – Peachy Keen

08. Dinky – Polvo

09. Sandra Kolstad – No

10. The Rapture – How Deep Is Your Love

Emika

11. PJ Harvey – The Last Living Rose

12. David Lynch – Good Day Today*

13. Lana Del Rey – Video Games

14. Jessica 6 – In The Heat

15. Dear Reader – Monkey (Go Home Now)

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Post War Glamour Girls

16. Ladytron – Ace of Hz

17. Austra – Beat and the Pulse*

18. Matana Roberts – I Am

19. Emika – Pretend

20. Post War Glamour Girls – Ode To Harry Dean

21. Zomby – Natalia’s Song

22. Zola Jesus – Poor Animal

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Matana Roberts

23. Aérea Negrot – Right Body, Wrong Time

24. Emika – Double Edge

25. Noze feat. Riza Starr – Dring Dring

26. Friska Viljor – Useless

27. Foster The People – Pumped Up Kicks

28. Jessica 6 – White Horse

29. Martyn – Masks

30. Veronica Falls – Bad Feeling

31. James Blake – Limit To Your Love

32. Locas In Love – An den falschen Orten

33. Cooly G feat. Simbad – Landscapes

34. Friends – Friend Crush

35. Joan As Police Woman – The Magic

Photo: Shaun Bloodworth

Martyn

36. Skint & Demoralised – It’s Only Been A Week

37. Metronomy – The Look

38. PJ Harvey – The Glorious Land

39. Grouper – Vapor Trails

40. I’m Not A Band – What We Do

41. Selebrities – Can’t Make Up My Mind

42. Zomby – A Devil Lay Here

43. Brett Anderson – Unsung

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Skint & Demoralised

44. Kitty, Daisy & Lewis – I’m So Sorry

45. Yelle – Safari Disco Club

46. Foster The People – Call It What You Want

47. Those Darlins – Screws Got Loose

48. Rumer – Slow

49. FM Belfast – New Year

50. Washed Out – Amor Fati

 

FILME

01. Meek’s Cutoff (USA, Kelly Reichardt)

02. Winter’s Bone (USA, Debra Granik)

03. Noruwei no mori (JPN, Anh Hung Tran)

04. Submarine (UK, Richard Ayoade)

05. The Infidel (UK, Josh Appignanesi)

06. Melancholia (DK/SWE/FRA/GER, Lars von Trier)

07. Die Vaterlosen (AUT, Marie Kreutzer)

08. Life In A Day (USA/UK, Kevin MacDonald et al)

09. Mr. Nice (UK/ESP, Bernard Rose)

10. The Future (USA, Miranda July)

 

KONZERTE

Konono No. 1 @ UT Connewitz, Leipzig

Hercules & Love Affair @ Conne Island, Leipzig

Phillip Boa & The Voodooclub @ Schlachthof, Dresden

Animal Collective @ UT Connewitz, Leipzig

Jessie Evans @ UT Connewitz, Leipzig

Electrelane + Vivian Girls @ Festsaal Kreuzberg, Berlin

Suede @ Berlin Festival

Primal Scream @ Berlin Festival

Patrick Wolf @ UT Connewitz, Leipzig

Zola Jesus @ UT Connewitz, Leipzig

ERLEEN NADA

Erleen Nada ist eine Bedroom-Producerin, die in San Diego lebt und als wichtigste musikalische Inspirationsquellen unter anderem Danielle Dax, Elizabeth Fraser und Nina Hagen nennt. Ihre Wurzeln hat Erleen in der kalifornischen Gothic-Szene, wo sie sich als DJ auf Deathrock- und Industrial-Clubabenden rasch etablierte. Diese düstere Note sowie eine gewisse Rockabilly/Camp-Ästhetik zeichnen Musik, Style und Cover-Artwork von Erleen Nada weiterhin aus. Seit einiger Zeit produziert sie eigene Tracks und veröffentlichte bereits ein paar vielversprechende unterkühlte Goth-Pop-Songs in digitaler Form. Ihre neue Single, die dieser Tage in limitierter Fassung auf Destination Pop erscheint, führt Gothic mit Electropop und Chicago Acid zusammen.

Peachy Keen“ ist ein grandioser Fuck You-Song mit unwiderstehlichem Synthesizer-Riff, in dem ein triumphierendes „Fuck me, I’m famous“ mitschwingt und das sich damit in jenen extrovierten Westküsten-Electro-Punk einreiht, den man von Acts wie T.H.E.M. oder The Vanishing kennt. Einen deutlichen Schritt cluborientierter kommt hingegen die B-Seite „Cowbell Song“ daher. Hier läuten tribalistische Beats, hallige Vocals und eine gehörige Acid-Würze die Rave-Ära der frühen Neunziger ein, als hätten Opus III ihren Epos „It’s A Fine Day“ mit Lydia Lunch neu aufgenommen. Weitere Veröffentlichungen sowie Mini-Touren auch in Europa sind bereits in Planung. In Erleens eigenen Worten: „The next time you see me in the club/ if I’m DJing, you can walk up to that DJ booth/ and tell me how wonderful you thought my song is“.

Erleen Nada – Peachy Keen (VÖ: 05. 09., Vinyl-7“ auf 200 Exemplare limitiert, Destination Pop)

Zweiter Teil des Interviews mit Volkhild Klose und Andreas Güstel von Resonanzkäppchen Und Der Böse Raum über ihre musikalischen Einflüsse und Zukunftspläne.

Gerade in Deutschland gibt es ja immer noch diese krasse Trennung zwischen Hochkultur, in dem Fall klassischer Musik, und Pop. Versucht Ihr mit Eurem Hintergrund, diese Trennung ein bisschen zu überwinden?

Andreas Güstel: Pop-Musik hat ja meistens etwas mit populär zu tun, also dass es an den Markt gerichtet ist, der Musik konsumiert. Bei uns ist es notwendig, uns auf der Bühne live zu sehen. Nur die Musik zu hören, mag schön sein, aber die Krönung ist das Live-Erlebnis.

Volkhild Klose: Wenn man Pop und Klassik verbindet, muss man ganz oft aufpassen, dass man nicht zu glatt wird. Das Problem haben wir auch manchmal: schöne Klassik-Melodien und dann noch eine Pop-Harmonik drauf – das muss es immer mit etwas Fremdem oder Störendem durchbrochen werden, damit es nicht zu glatt ist.

AG: Vielleicht klappt es bei uns beiden gerade besonders gut, weil wir einen unterschiedlichen Musikgeschmack haben.

Welche musikalischen Einflüsse sind das aktuell?

VK: Ich habe früher lange Zeit Metal gehört, dann viele Singer/Songwriter und im Moment Weltmusik und Ragga. Gerade  mag ich sehr rhythmische Musik und es ist mein Anspruch, mich mit neuen Rhythmen auseinanderzusetzen und in die Musik einzubeziehen. Das ist dann was anderes als das, was ich in meiner klassischen Ausbildung, sondern durch meinen Konsum von Popmusik gelernt habe.

AG: Bei mir ist zum Beispiel Rossini und Schuberts Fünfte gerade ganz groß im Kurs. Rossini hat dieses Leidenschaftliche, dieses Emotionale. Das mag absurd klingen, aber wenn die Opernakteure miteinander sprechen, dann fühlt man regelrecht was der eine dem Anderen für ein Gefühl transportieren möchte, und das begeistert mich! Diese Dramatisierung bringe ich mit ein. Aber da bremst mich dann Volkhild hervorragend. Aber ich höre natürlich auch Popmusik, das war jetzt nur ein Extrembeispiel.

Gewisse dramatische Spannungsbögen, etwa in der Dynamik oder im Ablauf, spielen bei Euren Songs schon eine Rolle?

VK: Nicht immer! Ich spreche es auch einem Lied zu, wenn es vielleicht mal durchgängig eine Stimmung transportiert. Das kann ich auch akzeptieren, aber nicht in jedem Song.

AG: Ein gutes Beispiel für Musik, die durchgängig eine Stimmung transportiert, ist ja Fahrstuhlmusik. In dem Genre wollen wir uns nicht bewegen.

VK: Es passt ja auch gar kein Klavier in einen Fahrstuhl, außer vielleicht im Krankenhaus.

Ihr habt bereits die Wichtigkeit von Auftritten erwähnt. Kommt Ihr erst live richtig zur Geltung?

AG: Musik hören ist bei mir oft nur wie Konsum. Sehe ich aber die Band live, kann ich ein bisschen in die Innenwände hineinschauen: die Gestik und Mimik, bei der man mit empfindet. Dazu dann noch der Klang und das Gesamtbild, ich denke das ist es!

Ihr habt ja beide auch im Bereich Theater was gemacht, entweder als Schauspieler oder eben in der musikalischen Begleitung. Hat das in irgendeiner Form Einfluss auf Eure Musik?

AG: Ich neige zum Karikieren, zur Überspitzung, das ist ein klassisches Element aus dem Theater.

VK: Es stimmt, wir wurden schon mal mit dem Begriff „theatralisch“ abgestempelt. Solche Elemente sind tatsächlich drin. Was ich durch meine Theaterarbeit mit in die Musik genommen habe, ist die Interaktion mit dem Publikum: das Bewusstsein, dass Du im Moment des Auftretens etwas für bestimmte Menschen machst. Ich sehe das wirklich immer als etwas Performatives, was jedes Mal neu entstehen kann. Auch in unseren Proben gibt es kleine Stimmungsänderungen. Es liegt zum Beispiel noch vor uns, etwas aufzunehmen, womit wir uns hinterher zufrieden geben.

In den letzten Jahren gab es auf internationaler Ebene einige Künstler mit klassischen Musiksozialisationen, wie etwa The Dresden Dolls, Christy & Emily oder Soap & Skin, die ihre Ausbildungen in ein Pop-Format brachten. In der musikalischen Landschaft von Deutschland kommt dies jedoch kaum vor. Würdet Ihr sagen, dass Ihr mit Eurer Musik hierzulande relativ einsam seid?

AG: Als wir angefangen haben mit Musizieren, haben wir uns keine Gedanken gemacht, was die anderen machen. Wir haben einfach nur getestet, wie wir miteinander arbeiten. Ich hatte starke Hemmungen, weil meine kommunikativen und pädagogischen Fähigkeiten nicht unbedingt die stärksten sind. Musik ist die einzige Möglichkeit, das zu kommunizieren. Da habe ich das große Glück, dass Volkhild sehr große Toleranz gegenüber meinen argumentativen Strängen hat. Aber du hast Recht: uns ist das auch gar nicht bewusst gewesen, dass das noch nicht so oft vertreten ist.

VK: Dadurch, dass wir immer versuchen, neue Sachen auszuprobieren, war uns bis vor kurzem nicht klar, ob wir wirklich in eine bestimmte Richtung gehen. Bei unseren Konzerten wird sich zeigen, wie unsere Musik ankommt. Ich hätte jetzt auch nicht sagen können, was für einen Stil wir haben – dass klassische und poppige Elemente drin sind, ist mir auch klar, aber ansonsten ist es schwer, sein eigenes Produkt zu bewerten.

AG: Deswegen freue ich mich ja so über die Kritiken: die Kritiker müssen das ja in ein Genre einordnen. Dann weiß ich endlich mal, wo wir verortet sind!

Euer Sound ist momentan noch etwas reduziert und minimalistisch mit Klavier und Gesang. Habt Ihr vor, noch mehr Instrumente einzusetzen?

AG: Vielleicht. Wobei das nur am Anfang minimalistisch wirkt: man darf nicht vergessen, dass wir vierhändig spielen, was das Instrument völlig neu erscheinen lässt. Wir nutzen es auch als Schlaginstrument oder als Fläche zur Atmosphärengewinnung. Das Tolle ist doch die Reise an sich, nicht das Ziel. Für die Zukunft können wir uns auch andere Instrumente vorstellen. Ich würde noch Blockflöte spielen, aber ich glaube das werden wir unterlassen!

VK: Ich habe wirklich noch nie jemanden Blockflöte spielen hören, wo ich gesagt hätte, das wäre mal was anderes. Nein, ich würde beim Singen und beim Klavier bleiben. Und wir hatten überlegt, mit Synthesizern zu experimentieren.

Ihr habt Ende letzten Jahres beim Song Slam in Halle gewonnen. Könnt Ihr darüber nochmal ein bisschen was erzählen? Die meisten dort auftretenden Bands hatten doch sicher eher einen anderen Stil.

VK: Es gab schon unterschiedliche Darbietungen, aber wir sind wie erwartet mit dem Klavier ein bisschen raus gefallen. Auch in der Form als Duo: wir waren die einzigen, die nicht alleine aufgetreten sind.

AG: Dass wir den Song Slam am Ende gewinnen würden, hätten wir nie erwartet. Wir hatten insgesamt nur acht Freunde dort und ungefähr siebzig bis hundert Leute waren anwesend. Der Laden war also voll, und dass die sich wirklich für uns entscheiden und quasi ihre Freunde verraten haben… Wer gewinnt, muss zum Schluss ja noch ein drittes Lied zum Besten geben. Und wir hatten nicht mal ein drittes Lied!

War die Teilnahme am Song Slam eher eine spontane Idee?

AG: Nein, wir wollten uns bei unserem Arbeitsprozess einfach mal einen Punkt setzen, an dem wir etwas Fertiges abliefern mussten. Und um zu schauen, wie es auf das Publikum wirkt.

VK: Auf jeden Fall. Sich dem Publikum stellen, das Eigene einfach mal vorzutragen. Das geht natürlich nur, wenn man einen Termin hat, an dem man Sachen fertig haben muss.

Habt Ihr vor, sowas nochmal zu machen?

VK: Es geht ja nicht darum, uns mit anderen zu messen. Es ist einfach eine sehr gute Möglichkeit, um was Neues vorzustellen.

AG: Oder den Eintritt zu sparen. Wer etwas bei Song Slams präsentiert, bekommt ein Freigetränk!

Welche Pläne habt Ihr in Zukunft? Sind für die nächsten Monate mehrere Konzerte geplant?

VK: Das wäre schön. Wir haben schon einige Orte, wo wir gerne spielen würden und wo wir auch willkommen wären. Das werden wir auf jeden Fall nutzen.

AG: Nächstes Ziel ist es, ein Album zu schaffen, um den jetzigen Stand unserer Entwicklung festzuhalten. Wenn es sich anbietet, gibt es danach vielleicht eine ganz kleine Tour.

Ihr versteht Euch also nicht nur als reine Live-Band?

VK: Es ist ja nicht so, dass wir unsere Songs nicht mögen würden. Wenn wir irgendwas neu produziert haben, können wir uns das durchaus auch anhören! Ich bin gespannt, was bei diesen ganzen Verfeinerungen und Glättungen heraus kommt.

AG: Letztendlich wird es uns in drei Monaten natürlich bei iTunes geben. Daran werden wir auf keinen Fall vorbei kommen. Dass das natürlich die Qualität eines Live-Konzerts nicht ersetzt, dafür werden wir schon sorgen!

Ihr strebt dann auch gleich ein Album an, also nicht erstmal ein paar Singles? Da gibt es ja auch immer eine gewisse Dramaturgie, die an das Format gekoppelt ist.

VK: Ich könnte mir vorstellen, dass das, was wir gerade in dieser kurzen Zeit produzieren, gutes Material für ein Album sein könnte.

AG: Bei uns wird es stetig so sein, dass wir Entwicklungsphasen haben. Wir werden experimentieren – wenn man verfolgt, wie wir bis jetzt gearbeitet haben, dann wird es Veränderungen in der Musik geben.

Da Ihr auch schon mit verschiedenen Leuten in andere Projekten Musik gemacht habt: würdet Ihr sagen, dass Ihr in der jetzigen Konstellation längerfristig zusammen arbeitet?

VK: Ich denke schon. Wir stecken einfach schon mittendrin und ich bin mir nicht sicher, ob man da jetzt einfach so wieder raus kann, ohne das restliche Leben mit furchtbaren Defiziten fortzuführen.

AG: Wenn Volkhild heute zu mir sagt, dass sie Schluss machen und irgendwo nach Bayern oder in die Schweiz ziehen möchte, hätte ich damit wahrscheinlich ein Problem. Ich würde sie wahrscheinlich stalken!

VK: Ich habe bisher auch sonst noch niemanden gefunden, mit dem das so gut gelaufen ist. Man kam bis zu einer bestimmten Stelle, aber dann haperte es wirklich daran, es weiter zu bearbeiten und wirklich Songs draus zu machen.

AG: Diesen Punkt, an dem man weiß, wann der Song fertig ist, erkennt man komischerweise meistens gleichzeitig. In der Musikwissenschaft würde man sagen, okay, das ist jetzt eine typische Komposition, die hat jetzt diesen bestimmten Schluss. Wenn man es schreibt, kann man es aber jederzeit ändern, und trotzdem wissen wir dann, was an einer bestimmten Stelle gerade richtig ist. Dieses Empfinden für das Richtige ist schon was Besonderes.

Danke für das Gespräch und viel Erfolg für Euer weiteres musikalisches Schaffen!

Interview: Matthias Freytag

Erster Teil des Interviews

Die Hallenser Band Resonanzkäppchen Und Der Böse Raum ist bislang vor allem mit Live-Auftritten in der Region Halle/Leipzig aufgefallen. Wir trafen die beiden Bandmitglieder Volkhild Klose und Andreas Güstel bei einer nächtlichen Session in den Räumen der Kunsthochschule Halle. Erster Teil des Gespräches über ihre Arbeitsweise und ihre Songs.

Es ist kurz vor Mitternacht und Ihr probt gerade. Auf Eurem MySpace-Profil schreibt Ihr, dass beim Proben eine gewisse Atmosphäre wichtig ist, dass ihr einfach erstmal spielt und sich die Sachen dann langsam entwickeln. Wie kann man sich Eure Arbeitsweise vorstellen?

Volkhild Klose: Ruhe und Intimität sind eigentlich immer ganz gut. Am besten können wir natürlich unseren Ideen freien Laufen lassen, wenn niemand zuhört und einem eine Idee nicht peinlich ist. Wir legen in letzter Zeit Wert darauf, dass wir oft die Proberäume wechseln, verschiedene Klaviere benutzen und uns dadurch neue Dinge erschließen. Manchmal strahlen die Räume an sich schon eine bestimmte Stimmung aus, in der wir auf ganz andere Sachen kommen als in einer großen Halle. Was wir wiederum gar nicht gut können, ist zu Hause proben. Ganz selten ist es mal so, dass einer von uns eine Idee hat, die wir dann versuchen umzusetzen. Meistens ist es am einfachsten, wenn wir beide den Prozess gemeinsam vollziehen

Andreas Güstel: Es ist besser, die beiden Innenwelten, aus denen man das mehr oder weniger heraus holt, kurz füreinander zu öffnen und daraus etwas zu generieren. Man kann da nur schwer rational an die Sache ran gehen.

VK: Wer etwas Neues entwickeln will, darf sich darauf nicht so fixieren. Es darf ruhig auch mal trivial oder langweilig klingen. Dazu gehört eine Stimmung, der man sich hingibt und das Entstandene im Nachhinein evaluiert. Ansonsten verpasst man Chancen, etwas entstehen zu lassen.

Basiert Euer Songwriting auf dem Reagieren auf die Ideen des Anderen?

AG: Ich würde es als Empathie bezeichnen. Das Tolle ist: wenn es gut läuft, ist es ein reiner emotionaler Fluss. Wir schaffen das nur dank elektronischer Aufnahmetechnik: wir halten Sachen fest und versuchen im Nachhinein, das Gespielte zu rekonstruieren. Meistens merkst Du ja schon beim Spielen, dass irgendwas toll war, besonders wenn man nicht mehr nachgedacht hat und die Zeit vergeht, ohne dass man davon viel mitbekommen hat.

VK: Oft sind wir Improvisationen regelrecht begeistert, andere haben wir auch schnell wieder vergessen und nach Wochen zeige ich sie Andreas, und der sagt „Mensch, das ist ja cool!“ und dann ist es natürlich problematisch, das wieder zu reproduzieren. Wenn etwas Cooles in einer Impro entstanden ist, muss das auch recht bald festgehalten werden. Hinterher fängt dann das Technische, Rationale an: Stückelung, Zusammenbauen, die Bridge einsetzen, die Dramaturgie am Ende.

Andreas Güstel (Klavier) und Volkhild Klose (Gesang, Klavier)
Andreas Güstel (Klavier) und Volkhild Klose (Gesang, Klavier)

Eine solche Arbeitsweise erfordert ein gewisses gegenseitiges Verständnis erfordert: man muss ahnen, wie der andere tickt. Ihr wart beide schon länger als Songschreiber und Musiker in diversen Projekten tätig. Wie kam es, dass Ihr Euch entschlossen habt, zusammen zu arbeiten?

AG: Das war eine ganz krasse Erfahrung. Ich war bei Volkhild zu Hause, weil sie mich gefragt hatte, ob ich sie bei ein paar Brecht-Liedern begleiten könnte. Und auf ihrem Klavier lagen eigene Noten, selbst komponierte Sachen. Ich fand total faszinierend, dass man jemanden findet, der sich ans Klavier setzt und so komponiert wie ich. Dann habe ich sie gefragt, ob wir zusammen arbeiten wollen und so hat sich das Stück für Stück entwickelt. Ich hätte zunächst nie gedacht, dass es klappt, ich war sehr skeptisch. Also haben wir uns am Anfang gegenseitig etwas von uns vorgespielt. Jeder hat ja selbst schon einiges gemacht und wir haben gespürt, dass man dem anderen zwar eine gewisse Kompetenz zugesteht, aber dass man selber noch nicht so viel heraus greifen kann.

VK: Wir haben uns auch mit unseren Stilen im Laufe der Zeit ganz schön vernetzt.

AG: Aber erheblich! Das ist was völlig anderes, als wenn nur einer komponiert. Eine gewisse Nuance, die nur der eine generiert hat, ist dann weg. So ist das auch bei uns: was wir produzieren, geht wirklich nur zusammen. Ich würde es nie alleine hinkriegen.

Ihr habt bei Euren bisherigen Projekten oft Stücke von anderen Leuten nachgespielt, jetzt schreibt Ihr eigene Songs. Geht Ihr bei den Texten ähnlich spontan vor wie bei der Musik?

VK: Im Grunde finde ich die Herangehensweise schöner, erst die Musik zu schreiben und den Text draufzulegen. Wenn man schon ein vorgefertigtes Metrum hat, hast Du auch schon einen festgelegten Rhythmus. Da hast du nicht so viele Möglichkeiten zum Variieren. Wenn wir Melodien entwickeln und improvisieren, singe ich immer Nonsens. Dann höre ich es mir später an und denke mir dazu eine Geschichte und einen Text aus. Das ist dann eher technisch und für mich persönlich viel Arbeit: ich brauche ziemlich lange, um Texte zu schreiben. Deshalb versuchen wir in letzter Zeit häufiger, Texte von anderen Menschen zu vertonen.

AG: Wenn wir Texte lesen, sprechen wir oft darüber, was das für ein Bild sein könnte. Das hilft mir zumindest, am Klavier etwas zu finden, das dieses Gefühl ausdrückt. Oder bei einer Überleitung beschreibt mir Volkhild ein Bild, zum Beispiel hatten wir bei einem Lied das „Um die Ecke gucken und dabei erstaunt sein“. Nur dadurch habe ich es hinbekommen! Der Text war für mich völlig irrelevant, weil ich nur über Bilder und Musik fungiere.

Eure Texte sind teilweise auf Englisch, aber auch auf Spanisch. Gibt es da ein bestimmtes Muster? Habt ihr vor, größtenteils englische Texte zu schreiben oder seid Ihr für Verschiedenes off

VK: Wir sind für Verschiedenes offen. Sprachen mit verschiedenem Klang eignen sich gut, um unterschiedliche Nuancen reinzubringen. So hat zum Beispiel die spanische Sprache einen ganz eigenen Klang. Wir haben während einer Improvisation gemerkt, dass spanische Wörter und Sätze eine ganz andere Stimmung induzieren als das Englische. Allerdings fühle ich mich persönlich am wohlsten, in englischer Sprache zu singen. Daher wird es überwiegend dabei bleiben.

Wenn ein Song auf Spanisch entsteht, spielt der Klang der Sprache eine größere Rolle als der Inhalt?

VK: Ja, ehrlich gesagt schon. Ich finde, dass das Englische auch was Witziges haben kann. Das Spanische hat für mich eine wahnsinnige emotionale Ernsthaftigkeit, die auch in dieser Musikkultur begründet liegt. Deutsch eignet sich für mich persönlich ganz gut, um komische Sachen zu machen. Ich kann nicht so genau beantworten, wann wir was nehmen und warum. Es hat wirklich etwas damit zu tun, was wir ausdrücken wollen. Es ist auch eine Art von Spiel: beim Singen übernehme ich eine Rolle – nicht wie beim Schauspiel, aber es ist schon so, dass ich mich hinter die Stimmung dieses Liedes stelle. Wenn das eben die Haltung einer stolzen spanischen Frau ist, dann singt sie halt Spanisch.

AG: Das Temperament ist das Essentielle. Bei mir am Klavier baut sich meistens eine Bühne auf, auf der etwas passiert, was ich begleite. Sehr wichtig ist für mich eine Lichtstimmung, die ich mir im Kopf vorstellen kann. Daher spielen wir auch öfters mit geschlossenen Augen. Das ergibt unterschiedliche Lichtstimmungen. In einem Raum haben wir uns zum Beispiel mal Kerzen angezündet .

Dann kommen wir jetzt nochmal ein bisschen genauer auf die Musik zu sprechen. Eure bisherigen Songs sind von der Länge und vom Aufbau Pop-Songs. Ihr habt beide aber auch eine klassische Ausbildung. Würdet Ihr Euch zwischen Pop und Klassik verorten?

AG: Akustischer, melodramatischer Pop!

VK: Andreas und ich haben beide eine klassische Ausbildung: ich habe viele Jahre Klavier gespielt, deshalb spielen wir auch vierhändig. Es ist schon so: machen Pop-Musik und wir stehen dazu. Aber es ist uns auch wichtig, dass wir mit den begrenzten Möglichkeiten – also vier Hände am Klavier und eine Stimme – auch andere Musikrichtungen mit einbeziehen. Wir verwenden beim Liedaufbau nicht immer das typische Vers-Refrain-Schema aus der Popmusik.

AG: Das Klavier verwenden wir ja teilweise auch atypisch, als Flächenuntergrund, den bei Pop-Songs normalerweise Streicher übernehmen würden. Wir benutzen auch keine klassischen Rhythmen. Das Hauptmerkmal ist das Gefühl: es muss Dich fesseln, wenn Du es hörst!

VK: Wir sind beide Dynamik-Fetischisten und haben es nicht gerne, wenn in einem Lied Lautstärke und Intensität durchgehend gleich bleiben. Wir wollen eigentlich immer Kontraste innerhalb eines Liedes haben.

(Fortsetzung folgt)

Interview: Matthias Freytag

Resonanzkäppchen und der Böse Raum spielen am 14.08. in der Schauburg Halle.