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Fanzines nahmen in der Popkultur der Neunziger Jahre eine nicht zu unterschätzende Stellung ein. Über den informativen Gehalt hinaus fungierten sie vor dem großen Durchbruch des World Wide Web in einigen Subkulturen, wie etwa der Riot Grrrl-Bewegung, als essentielle Austauschforen. Im Gegensatz zu vorgefertigten Interviews aus herkömmlichen Musikpostillen liegt dem Fanzine der besondere Reiz inne, sich abseits der obligatorischen Promo-Themen den Künstlern zu nähern. Gleichzeitig birgt es für die Macher die Gefahr harscher Abweisungen, die am Helden-Image von verehrten Künstlern kratzen und im Extremfall zur frustrierten Trennung von geliebten Platten führen können.

An diesem Punkt – der unmittelbare Kontakt zum Künstler – setzt Gilbert Blecken mit Destination: Pop an, einer Kollektion, die einen retrospektiven Überblick aus 20 Jahren eigener Fanzine-Tätigkeit gibt. Neben den 50 Interviews, von denen die meisten bislang noch nicht erschienen sind, hat man es hier mit einem Meta-Diskurs über die Möglichkeiten und Grenzen des Interviews zu tun. Einleitende Informationen zur jeweiligen Gesprächssituation vermitteln einen Einblick darüber, so der Autor im Vorwort, „wie sich Musiker gegenüber ihren Fans verhalten“. Zweifellos kein unambitioniertes Vorhaben, das dank detailgetreuer Beschreibungen äußerst wechselhafter Erfahrungen jedoch den Ansprüchen gerecht wird. Besonders spannend lesen sich dabei die albtraumhaften negativen Erfahrungen. Hier wird kein Blatt vor den Mund genommen und mit einer angemessenen Portion Selbstironie und einer dem Autor eigenen Kunst der Zuspitzung geschildert, wie einem beispielsweise ein ruppiger Tori Amos-Tourmanager den Tag so richtig verderben kann.

Und dann sind da natürlich die Interviews selbst: unter den Befragten finden sich nicht wenige Künstler, die in den letzten drei Jahrzehnten stilprägend waren. Die Spannweite reicht dabei von Bands, die zum Zeitpunkt des Interviews ihren Zenit bereits überschritten hatten und entsprechend gelassener wirken (wie Propaganda, The Associates, Scritti Politti) über werdende Stars auf dem Weg nach oben (Blur, Nirvana) bis hin zu einstigen Hoffnungsträgern, die inzwischen oft zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind (Voice Of The Beehive, Sexus, Crossover). Ein Rückblick dieser Art ist aus heutiger Sicht auch bezüglich der Aktualität popkultureller Themen interessant: wiederkehrende Diskurse über Musikformate (CD versus Vinyl damals, Downloads heute) oder kurzlebige Modeerscheinungen – nur die Wenigsten erinnern sich wahrscheinlich heute noch an RoMo –, britisch-amerikanische Gegensätze oder der Einfluss von Drogenkonsum auf musikalische Produktionen.

Gerade neuere Interviews mit alten Helden versprühen dabei einen gewissen Hauch von Nostalgie, wenn etwa James Bradfield über die kontrovers-berüchtigten Presse-Auftritte der jungen Manic Street Preachers (eine Band, die damals eine riesige Fanzinekultur nach sich zog und stets großen Wert auf ihre kreative Anhängerschaft legte) sinniert. Nebenbei bietet einem die chronologische Anordnung der Interviews, beginnend mit Marc Almond im Jahr 1990, auch das Vergnügen, die über die Jahre voranschreitende Professionalisierung des Autors selbst mit zu erleben. All dies macht „Destination:Pop“ eben zu mehr als einer umfangreichen Interview-Sammlung.

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