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Archive for Juli 2009

RINGS – Black Habit

 

„Es ist schon gut, dass Leute Bands wie X-Ray-Spex oder The Raincoats auf den neuesten Stand bringen wollen. Aber warum sollte Musik nur aus Zwei-Akkord-Hymnen bestehen?”

Elisabeth Vincentelli in „Lips. Hits. Tits. Power?“

 

Die Rings aus New York City, die zuvor als First Nation (un-)bekannt waren, schaffen mit ihrem Album „Black Habit“ (2008 auf Paw-Tracks erschienen) eine wunderbar zeitgenössische Aufarbeitungen des Sounds der Raincoats. Im Gegensatz zu vielen anderen Bands, die sich vor allem in den 90ern auf die legendäre Gruppe beriefen, orientiert sich die Musik dabei weniger am tanzbaren (Post-)Punk oder Rrrock. Vielmehr wird mit brüchigen Klavier- und Gitarrenklängen die DIY-Methode in ein tendenziell Folk-artiges Klangbild übertragen. Trotz der etwas abgeschmackten Holz- und Lagerfeuerästhetik der CD-Verpackung wirkt das Ganze dabei angenehm untraditionell, ohne andererseits in ausgestellte Freakigkeit zu verfallen. Denn tatsächlich ist das hier kein Folk, auch wenn vielleicht mancher das böse FF-Wort drohen hört, sondern einfach Pop mit anderen Mitteln (produziert übrigens von Kria Brekken von múm).

 

Dabei werden, dem Bandnamen entsprechend, die Lieder aus wiederkehrenden, sich überlagernde Passagen geformt, die tatsächlich eher an Samples als ans klassische Akkordzupfen erinnern. Nicht umsonst geben Kate Rosko, Nina Mehta und Abby Portner auch Hip Hop und RnB als wichtige Inspirationsquellen an (anders als bei z.B. CocoRosie äußert sich dieser Einfluss hier jedoch nicht über die Beats, sondern in den loopartigen Strukturen). An das eingangs genannte Vorbild erinnert dabei vor allem die Art, in der die einzelnen, für sich genommen eher flüchtig mäandernden Melodielinien der drei Bandmitglieder einen geradezu süchtig machenden Gesamtklang ergeben. Und genau daraus entsteht auch die große emotionale Wucht dieser Lieder. Sicher dürfte die Stimme der Frontsängerin bei Einigen zu spontanen Abwehrreaktionen führen (ich zumindest hatte nach dem Erstkontakt die Platte zunächst für ein halbes Jahr im Schrank verstaut – als fiese Schlagworte könnte man „quiekend“ bzw. „elfenhaft“ nennen). Doch spätestens bei den letzten gesungenen Zeilen von „Teepee“ („ …letting go of a life for two cause the world’s too big for me and you.“) krampft sich das Herz vor Sehnsucht zusammen und alle Vorbehalte sind vergessen.

 

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Dass LA Roux es mit dem großartigen „Bulletproof“ Anfang Juli tatsächlich auf die Pole Position der britischen Single-Charts geschafft haben (der Vorgänger „In For The Kill“ schrammte knapp vorbei), war für mich ein willkommener Anlass, mal wieder zur Lektüre von The Manual – How To Have a Numer One The Easy Way von Bill Drummond und Jimmy Cauty (in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern als The Timelords / The KLF selber Dauergäste in den obersten Gefilden der Hitparaden) zu greifen. Obwohl sich seit Erscheinen dieses zeitlosen Klassikers die musikalischen Produktionsweisen, die Vertriebsstrukturen, die Kompilierung der Charts (in den späten Achtzigern noch auf Umfragen basierend), die Trägermedien und nicht zuletzt das Verkaufsverhalten radikal gewandelt haben – da genügt schon ein Vergleich der Anzahl verkaufter Singles damals und heute – entpuppen sich die Beobachtungen der Hit-Maschinerie nach wie vor als aufschlussreich und brandaktuell. Unter anderem heisst es da:

„All records in the Top Ten (especially those that get to Number One) have far more in common with each other than with whatever genre they have developed from or sprung out of.“ 

Einleuchtend? „Block Rockin‘ Beats“ von den Chemical Brothers oder „Firestarter“ von The Prodigy hatten demnach in den Neunzigern mit Steps, S Club 7 und Take That mehr gemeinsam als mit Future Sound Of London, Orbital oder 808 State. Ebenso sind dann auch LA Roux mit ihren beiden Hits näher an Kelly Clarkson als an Ladytron, The Soho Dolls oder Ex Rental. Oder waren die britischen Electroclash-Epigonen einfach nur ein paar Jahre ihrer Zeit voraus? Als ‚Golden Rules‘ einer astreinen Nummer Eins nennen Drummond und Cauty nämlich folgende:

„Firstly, it has to have a dance groove that will run all the way through the record and that the current 7-inch-buying generation will find irrestistible. Secondly, it must be no longer than three minutes and thirty seconds. Thirdly, it must consist of an intro, a verse, a chorus, second verse, a second chorus, a breakdown section, back into a double-length chorus and outro.“ 

Die Länge trifft fast auf die Sekunde genau zu und auch beim Arrangement wird klar, dass Elly Jackson und Ben Langmaid ihre Hausaufgaben in Sachen Nummer 1-Hit gemacht haben. Und denjenigen Nörglern, die LA Roux oder Electropop-Bands ähnlicher Couleur vorwerfen, sie wären bloße Nostalgiker oder einfallslose Revivalisten, kann man mit Drummond/Cauty antworten:

„Every Number One song ever written is only made up from bits from other songs. There is no lost chord. No changes untried. No extra notes to the scale or hidden beats to the bar.“ 

Was zweifellos nicht nur für Top-10-Hits, sondern einen Großteil populärer Musik zutreffend ist. In diesem Sinne kann man sich einen weiteren Erfolg für LA Roux nur wünschen: potentielle Singles gibt es auf ihrem Debut nicht wenige. Mögen ihnen Little Boots, Empire Of The Sun, AutoKratz, Bat For Lashes und The Whip in die Top 10 folgen!

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Italo-Disco ist spätestens seit dem letzten Sommer wieder in aller Munde und erlebt seit einigen Monaten mit entsprechenden Tribute-Abenden und Artikeln ein Revival. Glass Candy aus Portland, Oregon, das sich in den letzten Jahren zur (nicht mehr ganz) heimlichen Musik-Metropole der Vereinigten Staaten aufgeschwungen hat, bewegen sich mit ihren letzten beiden Alben „B/E/A/T/B/O/X“ und „Deep Gems“ auf ähnlichen Pfaden, greifen darüber hinaus aber auf verschiedenste Einflüsse afroamerikanischer elektronischer Tanzmusik zurück und lassen sich auch von Exzentrikern wie den italienischen Goblin (u.a. verantwortlich für den Soundtrack zu Dario Argentos Horror-Klassikern Profondo Rosso und Suspiria) inspirieren. In einem Interview für SignOnSanDiego verorteten die nach diversen musikalischen Veränderungen mittlerweile auf das Duo Ido No / Johnny Jewel geschrumpfte Band diesen Eklektizismus entsprechenderweise „between Olivia Newton-John, Suicide and Schooly D“.

 

Erinnerten frühere Songs wie „Candy Castle“ noch eher an eigensinnige Nachzügler der New Yorker Electroclash-Szene wie Swiss Dot oder The Somnambulants, gehen Glass Candy nun voll in jener urbanen Melancholie auf, die auch Disco, Electro, Chicago House und frühen Detroit Techno kennzeichnete. Man fühlt sich in das ultrahedonistische Flair von New Yorker Disco-Tempeln wie der Paradise Garage oder The Loft zurückversetzt. Stücke wie „Miss Broadway“ und „Beatific“ hätten zweifellos wunderbar in ein DJ-Set von Larry Levan oder David Mancuso hineingepasst. Darüber hinaus klingen auch Electro-Pioniere wie Planet Patrol, Model 500 oder Newcleus („Etheric Device“) mit, während „Animal Imagination“ astreine Chicago House-Pianos bietet und man mit einer Ambient-Electro-Version von „Computer Love“ den futuristischen Kummer beschwört, den Kraftwerk wohl damals vor Augen hatten. 

 


Ebenfalls aus Portland und sowohl musikalisch wie personell eng mit Glass Candy verbunden (Johnny Jewel ist für die Produktion zuständig und ihr letztes Album erschien auf dessen Label Italians Do It Better) sind The Chromatics. “Nightdrive” bietet eine ähnliche Kombination aus Electro-Basslinien, House-Pianos, reduzierten Rhythmusgitarren und dem betörenden Gesang von Rachel Radelet, jedoch mit leicht größerem Pop-Appeal. The Chromatics haben ihre Wurzeln, noch gut hörbar auf Titeln wie „Healer“, im elektronisch angereicherten Indiepop und machen nun unter anderem aus Songs von Kate Bush (“Running Up that Hill”) und Bruce Springsteen (“I’m on Fire”) feinste Electropop-Perlen. Höhepunkte ihrer eigenen Kompositionen sind besonders “I Want Your Love” und das grandios hypnotische “In the City”, das mit seiner mondänen Eleganz aus Filmen wie Union City oder Times Square entsprungen sein könnte. Auch wenn dieser Rückgriff auf (Mutant) Disco, No Wave und Electro nicht sonderlich neu ist – so unterschiedliche Bands wie The Rapture, Hercules & Love Affair oder W.I.T. schöpften im ablaufenden Jahrzehnt aus ähnlichen Quellen -, erschaffen The Chromatics damit einen ganz eigenen Charme, der sich deutlich von zeitgenössischen Indie-Bands unterscheidet und auch das Italo-Disco-Revival überdauern wird.

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