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Archive for August 2009

KID SISTER

„I’m helping give hip-hop a much-needed facelift. Hip-hop got so gosh darn boring after a while and so formulaic, its almost like hip-hop became a victim of itself because for so long people that made hip-hop music wanted it to become mainstream and it wasn’t.“
(Kid Sister im Format Mag)

In den vergangenen achtzehn Monaten machten bereits vielschichtige Künstlerinnen wie Santigold, Janelle Monáe oder Amanda Blank mit jeweils sehr eigensinnigen Herangehensweisen an einem Zusammenspiel aus Hip Hop, R’n’B, Indie, Rave und Pop auf sich aufmerksam. Mit Kid Sister schickt sich nun eine weitere Künstlerin an, diesen Ekklektizismus von einem Hip-Hop-Kontext aus fortzuführen. Melisa Young wuchs in den südlichen Vorstädten von Chicago auf und startete nach einem Filmstudium ihre musikalische Karriere im Rahmen von Club-Abenden des DJ-Teams Flosstradamus. Entsprechend wurde sie auch im letzten Jahr zunächst in einem Club-Kontext bekannt: als Gast-Rapperin des britischen Dance-Produktionsteams The Count & Sinden gab sie deren Bassline-Kracher „Beeper“ den nötigen Flow.
Kid Sisters eigene Singles brillieren mit einer Kombination aus Hip Hop, House, Pop und Electroclash, womit sie Schnittstellen tangieren, an denen sich bereits Avenue D, Bunny Rabbit oder Fanny Pack bewegten – so etwa der bass-betonte Electro-Track „Control“, das in Zusammenarbeit mit Kanye West entstandene „Pro Nails“ und „Get Fresh“, wo eine reduziert instrumentierte Strophe mit einem dem frühen Dizzee Rascal nicht unähnlichen Rap (bevor dieser sich auf wackelige Trance-Pfade begab) auf die Harmonien von Mylos „Drop the Pressure“ treffen. Am überzeugendsten gelingt diese Mixtur wohl auf der aktuellen Single „Right Hand Hi“ mit tanzflächentauglichen Synthesizer-Riffs, Rave-Zitaten und einem eingängigen hands in the air-Refrain. Dass es musikalisch auch ganz anders gehen kann, beweisen Young und Gastrapper David Banner auf dem lässigen Hip Hop-Track „Family Reunion“, der sowohl an 90er-R’n’B-Acts wie SWV als auch an die souligen Ausflüge der House-Pioniere Inner City erinnert. 

Überhaupt klingen viele der bisherigen Tracks von Kid Sister wie eine zeitgenössische Variante von Hip House, jenem Genre, das nach einer kurzzeitigen Blüte im Jahr 1989 rasch von der Bildfläche verschwand und nur gelegentlich wieder aufschwappte. Im Interview mit dem Format Mag verriet sie, dass diese Mischung viel mit der musikalischen Vergangenheit ihrer Heimatstadt, dem Geburtsort des House-Sounds Mitte der Achtziger Jahre, zu tun hat: „It comes part-and-parcel with living in this city, no matter who you are, even if you’re the hardest ass dude, you will have some house. (…) I do know that in Chicago, you can be a convicted gang member, like convicted of killing someone, it doesn’t matter. You will like the gayest house ever. It’s a very strange phenomenon but it’s part of living here.“

Nach mehrmaliger Verzögerung wird nun endlich auch bald das Debutalbum, das laut eigenen Aussagen vor allem von schnelleren Hip Hop- und House-Tracks dominiert wird, erscheinen. Neben Co-Produktionen mit The Count & Sinden und XXXChange von Spank Rock dürfte vor allem eine Kollaboration mit der britischen MC Estelle einen vielversprechenden Höhepunkt bilden. Beide arbeiteten bereits Anfang des Jahres am Song „First Ladies“ zusammen, einer Neuauflage des Klassikers von Monie Love und Queen Latifah – unzweideutig verstanden als eine Homage „to the ladies who came first without being too cheesy. You can’t cross the line into the land of cheese. I think we steered clear of that“. Der im Eingangszitat angekündigten Aufmöbelung des Hip Hop sollte damit also nichts im Weg stehen.

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„The room and the places where we record have become like another member of the band or another instrument. It’s a bit magical. It adds another layer to the song.”
(Tony Dekker, 2009)



Die kanadischen Great Lake Swimmers hatten schon immer eine Vorliebe für ungewöhnliche Aufnahmeorte. Ihr erstes Album nahmen sie in einem verlassenen Getreidesilo auf, später dienten unter anderem Kirchen und Gemeindehallen als Studioersatz. Die jeweils spezielle Raumakustik wirkt dabei in der Tat wie ein zusätzliches Instrument, das die warme, sanfte Stimme von Sänger Tony Dekker um einen natürlichen Halleffekt bereichert und damit den fragilen, sparsam instrumentierten Songs eine ganz eigene Atmosphäre verleiht. Es ist genau dieser Klang, der den besonderem Reiz der Band aus Toronto ausmacht und sie von anderen, stilistisch verwandten Bands abhebt.

Für die Aufnahmen ihres nunmehr vierten Albums „Lost Channels“ hat es die Great Lake Swimmers in die Thousand Islands verschlagen, eine Inselregion im St.-Lorenz-Strom, an der Grenze zwischen Kanada und den USA – eine Inspiration, die man dem Album durchaus anmerkt. Aufgenommen wurde diesmal unter anderen in einem alten Theater und einem Schloss, Singer Castle auf einer Insel mit dem geheimnisvoll anmutenden Namen Dark Island. Die Wahl von Aufnahmeorten mit besonderer Raumakustik ist also geblieben, stilistisch hat sich im direkten Vergleich zu den Vorgängeralben einiges geändert. So ist die Zerbrechlichkeit und der eher minimalistische Ansatz der frühen Werke – damals quasi ein Soloprojekt von Tony Dekker, begleitet von wenigen einzelnen Musikern – der üppigeren Instrumentation einer kompletten Band gewichen. Neben den einst dominierenden Akustikgitarren sind nun unter anderem Banjo, Mandoline, Cello, Violine, vereinzelt auch elektrische Gitarren und Hammondorgeln zu hören, auch das Schlagzeug ist präsenter als auf den früheren Alben. Zudem weisen insbesondere die Songs auf der ersten Hälfte des Albums ein vergleichsweise flottes Tempo auf, gemessen freilich an der verträumten, sphärischen Langsamkeit, die man von den Great Lake Swimmers bisher kannte. Auch textlich scheint eine optimistischere Grundstimmung Einzug gehalten zu haben: die teils abgründigere Melancholie ist weniger dominant als in den frühen Songs, klingt jedoch an einigen Stellen noch durch. Auffällig ist die landschaftliche Inspiration, die vor allem im mehrfach wiederkehrenden Motiv des Flusses zum Ausdruck kommt. Gleichzeitig finden sich auch urbane Momente, etwa in „Concrete Heart“, einem Song, der ursprünglich als Auftragswerk für ein Kunstprojekt über Architektur in Toronto entstand.

Trotz der musikalischen Veränderungen schaffen es die Great Lake Swimmers, die für sie charakteristische Atmosphäre auch in den schnelleren, satter instrumentierten Stücken zu bewahren, ohne in Folkrock-Klischees abzudriften. Ihre großartigsten Momente hat die Band allerdings nach wie vor in den leisen, verhaltenen Songs, wie sie vor allem die zweite Hälfte der Platte dominieren. Hier können sich die Stärken der Band, der ihnen eigene räumliche Klang und die träumerische Intensität der Songs am besten entfalten. Alles in allem ist den Kanadiern wieder einmal eine wunderschöne Platte gelungen, für die der von einigen Kritikern verwendete Begriff Ambient Folk mehr als zutreffend ist.

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