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ERLEEN NADA

Erleen Nada ist eine Bedroom-Producerin, die in San Diego lebt und als wichtigste musikalische Inspirationsquellen unter anderem Danielle Dax, Elizabeth Fraser und Nina Hagen nennt. Ihre Wurzeln hat Erleen in der kalifornischen Gothic-Szene, wo sie sich als DJ auf Deathrock- und Industrial-Clubabenden rasch etablierte. Diese düstere Note sowie eine gewisse Rockabilly/Camp-Ästhetik zeichnen Musik, Style und Cover-Artwork von Erleen Nada weiterhin aus. Seit einiger Zeit produziert sie eigene Tracks und veröffentlichte bereits ein paar vielversprechende unterkühlte Goth-Pop-Songs in digitaler Form. Ihre neue Single, die dieser Tage in limitierter Fassung auf Destination Pop erscheint, führt Gothic mit Electropop und Chicago Acid zusammen.

Peachy Keen“ ist ein grandioser Fuck You-Song mit unwiderstehlichem Synthesizer-Riff, in dem ein triumphierendes „Fuck me, I’m famous“ mitschwingt und das sich damit in jenen extrovierten Westküsten-Electro-Punk einreiht, den man von Acts wie T.H.E.M. oder The Vanishing kennt. Einen deutlichen Schritt cluborientierter kommt hingegen die B-Seite „Cowbell Song“ daher. Hier läuten tribalistische Beats, hallige Vocals und eine gehörige Acid-Würze die Rave-Ära der frühen Neunziger ein, als hätten Opus III ihren Epos „It’s A Fine Day“ mit Lydia Lunch neu aufgenommen. Weitere Veröffentlichungen sowie Mini-Touren auch in Europa sind bereits in Planung. In Erleens eigenen Worten: „The next time you see me in the club/ if I’m DJing, you can walk up to that DJ booth/ and tell me how wonderful you thought my song is“.

Erleen Nada – Peachy Keen (VÖ: 05. 09., Vinyl-7“ auf 200 Exemplare limitiert, Destination Pop)

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Zweiter Teil des Interviews mit Volkhild Klose und Andreas Güstel von Resonanzkäppchen Und Der Böse Raum über ihre musikalischen Einflüsse und Zukunftspläne.

Gerade in Deutschland gibt es ja immer noch diese krasse Trennung zwischen Hochkultur, in dem Fall klassischer Musik, und Pop. Versucht Ihr mit Eurem Hintergrund, diese Trennung ein bisschen zu überwinden?

Andreas Güstel: Pop-Musik hat ja meistens etwas mit populär zu tun, also dass es an den Markt gerichtet ist, der Musik konsumiert. Bei uns ist es notwendig, uns auf der Bühne live zu sehen. Nur die Musik zu hören, mag schön sein, aber die Krönung ist das Live-Erlebnis.

Volkhild Klose: Wenn man Pop und Klassik verbindet, muss man ganz oft aufpassen, dass man nicht zu glatt wird. Das Problem haben wir auch manchmal: schöne Klassik-Melodien und dann noch eine Pop-Harmonik drauf – das muss es immer mit etwas Fremdem oder Störendem durchbrochen werden, damit es nicht zu glatt ist.

AG: Vielleicht klappt es bei uns beiden gerade besonders gut, weil wir einen unterschiedlichen Musikgeschmack haben.

Welche musikalischen Einflüsse sind das aktuell?

VK: Ich habe früher lange Zeit Metal gehört, dann viele Singer/Songwriter und im Moment Weltmusik und Ragga. Gerade  mag ich sehr rhythmische Musik und es ist mein Anspruch, mich mit neuen Rhythmen auseinanderzusetzen und in die Musik einzubeziehen. Das ist dann was anderes als das, was ich in meiner klassischen Ausbildung, sondern durch meinen Konsum von Popmusik gelernt habe.

AG: Bei mir ist zum Beispiel Rossini und Schuberts Fünfte gerade ganz groß im Kurs. Rossini hat dieses Leidenschaftliche, dieses Emotionale. Das mag absurd klingen, aber wenn die Opernakteure miteinander sprechen, dann fühlt man regelrecht was der eine dem Anderen für ein Gefühl transportieren möchte, und das begeistert mich! Diese Dramatisierung bringe ich mit ein. Aber da bremst mich dann Volkhild hervorragend. Aber ich höre natürlich auch Popmusik, das war jetzt nur ein Extrembeispiel.

Gewisse dramatische Spannungsbögen, etwa in der Dynamik oder im Ablauf, spielen bei Euren Songs schon eine Rolle?

VK: Nicht immer! Ich spreche es auch einem Lied zu, wenn es vielleicht mal durchgängig eine Stimmung transportiert. Das kann ich auch akzeptieren, aber nicht in jedem Song.

AG: Ein gutes Beispiel für Musik, die durchgängig eine Stimmung transportiert, ist ja Fahrstuhlmusik. In dem Genre wollen wir uns nicht bewegen.

VK: Es passt ja auch gar kein Klavier in einen Fahrstuhl, außer vielleicht im Krankenhaus.

Ihr habt bereits die Wichtigkeit von Auftritten erwähnt. Kommt Ihr erst live richtig zur Geltung?

AG: Musik hören ist bei mir oft nur wie Konsum. Sehe ich aber die Band live, kann ich ein bisschen in die Innenwände hineinschauen: die Gestik und Mimik, bei der man mit empfindet. Dazu dann noch der Klang und das Gesamtbild, ich denke das ist es!

Ihr habt ja beide auch im Bereich Theater was gemacht, entweder als Schauspieler oder eben in der musikalischen Begleitung. Hat das in irgendeiner Form Einfluss auf Eure Musik?

AG: Ich neige zum Karikieren, zur Überspitzung, das ist ein klassisches Element aus dem Theater.

VK: Es stimmt, wir wurden schon mal mit dem Begriff „theatralisch“ abgestempelt. Solche Elemente sind tatsächlich drin. Was ich durch meine Theaterarbeit mit in die Musik genommen habe, ist die Interaktion mit dem Publikum: das Bewusstsein, dass Du im Moment des Auftretens etwas für bestimmte Menschen machst. Ich sehe das wirklich immer als etwas Performatives, was jedes Mal neu entstehen kann. Auch in unseren Proben gibt es kleine Stimmungsänderungen. Es liegt zum Beispiel noch vor uns, etwas aufzunehmen, womit wir uns hinterher zufrieden geben.

In den letzten Jahren gab es auf internationaler Ebene einige Künstler mit klassischen Musiksozialisationen, wie etwa The Dresden Dolls, Christy & Emily oder Soap & Skin, die ihre Ausbildungen in ein Pop-Format brachten. In der musikalischen Landschaft von Deutschland kommt dies jedoch kaum vor. Würdet Ihr sagen, dass Ihr mit Eurer Musik hierzulande relativ einsam seid?

AG: Als wir angefangen haben mit Musizieren, haben wir uns keine Gedanken gemacht, was die anderen machen. Wir haben einfach nur getestet, wie wir miteinander arbeiten. Ich hatte starke Hemmungen, weil meine kommunikativen und pädagogischen Fähigkeiten nicht unbedingt die stärksten sind. Musik ist die einzige Möglichkeit, das zu kommunizieren. Da habe ich das große Glück, dass Volkhild sehr große Toleranz gegenüber meinen argumentativen Strängen hat. Aber du hast Recht: uns ist das auch gar nicht bewusst gewesen, dass das noch nicht so oft vertreten ist.

VK: Dadurch, dass wir immer versuchen, neue Sachen auszuprobieren, war uns bis vor kurzem nicht klar, ob wir wirklich in eine bestimmte Richtung gehen. Bei unseren Konzerten wird sich zeigen, wie unsere Musik ankommt. Ich hätte jetzt auch nicht sagen können, was für einen Stil wir haben – dass klassische und poppige Elemente drin sind, ist mir auch klar, aber ansonsten ist es schwer, sein eigenes Produkt zu bewerten.

AG: Deswegen freue ich mich ja so über die Kritiken: die Kritiker müssen das ja in ein Genre einordnen. Dann weiß ich endlich mal, wo wir verortet sind!

Euer Sound ist momentan noch etwas reduziert und minimalistisch mit Klavier und Gesang. Habt Ihr vor, noch mehr Instrumente einzusetzen?

AG: Vielleicht. Wobei das nur am Anfang minimalistisch wirkt: man darf nicht vergessen, dass wir vierhändig spielen, was das Instrument völlig neu erscheinen lässt. Wir nutzen es auch als Schlaginstrument oder als Fläche zur Atmosphärengewinnung. Das Tolle ist doch die Reise an sich, nicht das Ziel. Für die Zukunft können wir uns auch andere Instrumente vorstellen. Ich würde noch Blockflöte spielen, aber ich glaube das werden wir unterlassen!

VK: Ich habe wirklich noch nie jemanden Blockflöte spielen hören, wo ich gesagt hätte, das wäre mal was anderes. Nein, ich würde beim Singen und beim Klavier bleiben. Und wir hatten überlegt, mit Synthesizern zu experimentieren.

Ihr habt Ende letzten Jahres beim Song Slam in Halle gewonnen. Könnt Ihr darüber nochmal ein bisschen was erzählen? Die meisten dort auftretenden Bands hatten doch sicher eher einen anderen Stil.

VK: Es gab schon unterschiedliche Darbietungen, aber wir sind wie erwartet mit dem Klavier ein bisschen raus gefallen. Auch in der Form als Duo: wir waren die einzigen, die nicht alleine aufgetreten sind.

AG: Dass wir den Song Slam am Ende gewinnen würden, hätten wir nie erwartet. Wir hatten insgesamt nur acht Freunde dort und ungefähr siebzig bis hundert Leute waren anwesend. Der Laden war also voll, und dass die sich wirklich für uns entscheiden und quasi ihre Freunde verraten haben… Wer gewinnt, muss zum Schluss ja noch ein drittes Lied zum Besten geben. Und wir hatten nicht mal ein drittes Lied!

War die Teilnahme am Song Slam eher eine spontane Idee?

AG: Nein, wir wollten uns bei unserem Arbeitsprozess einfach mal einen Punkt setzen, an dem wir etwas Fertiges abliefern mussten. Und um zu schauen, wie es auf das Publikum wirkt.

VK: Auf jeden Fall. Sich dem Publikum stellen, das Eigene einfach mal vorzutragen. Das geht natürlich nur, wenn man einen Termin hat, an dem man Sachen fertig haben muss.

Habt Ihr vor, sowas nochmal zu machen?

VK: Es geht ja nicht darum, uns mit anderen zu messen. Es ist einfach eine sehr gute Möglichkeit, um was Neues vorzustellen.

AG: Oder den Eintritt zu sparen. Wer etwas bei Song Slams präsentiert, bekommt ein Freigetränk!

Welche Pläne habt Ihr in Zukunft? Sind für die nächsten Monate mehrere Konzerte geplant?

VK: Das wäre schön. Wir haben schon einige Orte, wo wir gerne spielen würden und wo wir auch willkommen wären. Das werden wir auf jeden Fall nutzen.

AG: Nächstes Ziel ist es, ein Album zu schaffen, um den jetzigen Stand unserer Entwicklung festzuhalten. Wenn es sich anbietet, gibt es danach vielleicht eine ganz kleine Tour.

Ihr versteht Euch also nicht nur als reine Live-Band?

VK: Es ist ja nicht so, dass wir unsere Songs nicht mögen würden. Wenn wir irgendwas neu produziert haben, können wir uns das durchaus auch anhören! Ich bin gespannt, was bei diesen ganzen Verfeinerungen und Glättungen heraus kommt.

AG: Letztendlich wird es uns in drei Monaten natürlich bei iTunes geben. Daran werden wir auf keinen Fall vorbei kommen. Dass das natürlich die Qualität eines Live-Konzerts nicht ersetzt, dafür werden wir schon sorgen!

Ihr strebt dann auch gleich ein Album an, also nicht erstmal ein paar Singles? Da gibt es ja auch immer eine gewisse Dramaturgie, die an das Format gekoppelt ist.

VK: Ich könnte mir vorstellen, dass das, was wir gerade in dieser kurzen Zeit produzieren, gutes Material für ein Album sein könnte.

AG: Bei uns wird es stetig so sein, dass wir Entwicklungsphasen haben. Wir werden experimentieren – wenn man verfolgt, wie wir bis jetzt gearbeitet haben, dann wird es Veränderungen in der Musik geben.

Da Ihr auch schon mit verschiedenen Leuten in andere Projekten Musik gemacht habt: würdet Ihr sagen, dass Ihr in der jetzigen Konstellation längerfristig zusammen arbeitet?

VK: Ich denke schon. Wir stecken einfach schon mittendrin und ich bin mir nicht sicher, ob man da jetzt einfach so wieder raus kann, ohne das restliche Leben mit furchtbaren Defiziten fortzuführen.

AG: Wenn Volkhild heute zu mir sagt, dass sie Schluss machen und irgendwo nach Bayern oder in die Schweiz ziehen möchte, hätte ich damit wahrscheinlich ein Problem. Ich würde sie wahrscheinlich stalken!

VK: Ich habe bisher auch sonst noch niemanden gefunden, mit dem das so gut gelaufen ist. Man kam bis zu einer bestimmten Stelle, aber dann haperte es wirklich daran, es weiter zu bearbeiten und wirklich Songs draus zu machen.

AG: Diesen Punkt, an dem man weiß, wann der Song fertig ist, erkennt man komischerweise meistens gleichzeitig. In der Musikwissenschaft würde man sagen, okay, das ist jetzt eine typische Komposition, die hat jetzt diesen bestimmten Schluss. Wenn man es schreibt, kann man es aber jederzeit ändern, und trotzdem wissen wir dann, was an einer bestimmten Stelle gerade richtig ist. Dieses Empfinden für das Richtige ist schon was Besonderes.

Danke für das Gespräch und viel Erfolg für Euer weiteres musikalisches Schaffen!

Interview: Matthias Freytag

Erster Teil des Interviews

Die Hallenser Band Resonanzkäppchen Und Der Böse Raum ist bislang vor allem mit Live-Auftritten in der Region Halle/Leipzig aufgefallen. Wir trafen die beiden Bandmitglieder Volkhild Klose und Andreas Güstel bei einer nächtlichen Session in den Räumen der Kunsthochschule Halle. Erster Teil des Gespräches über ihre Arbeitsweise und ihre Songs.

Es ist kurz vor Mitternacht und Ihr probt gerade. Auf Eurem MySpace-Profil schreibt Ihr, dass beim Proben eine gewisse Atmosphäre wichtig ist, dass ihr einfach erstmal spielt und sich die Sachen dann langsam entwickeln. Wie kann man sich Eure Arbeitsweise vorstellen?

Volkhild Klose: Ruhe und Intimität sind eigentlich immer ganz gut. Am besten können wir natürlich unseren Ideen freien Laufen lassen, wenn niemand zuhört und einem eine Idee nicht peinlich ist. Wir legen in letzter Zeit Wert darauf, dass wir oft die Proberäume wechseln, verschiedene Klaviere benutzen und uns dadurch neue Dinge erschließen. Manchmal strahlen die Räume an sich schon eine bestimmte Stimmung aus, in der wir auf ganz andere Sachen kommen als in einer großen Halle. Was wir wiederum gar nicht gut können, ist zu Hause proben. Ganz selten ist es mal so, dass einer von uns eine Idee hat, die wir dann versuchen umzusetzen. Meistens ist es am einfachsten, wenn wir beide den Prozess gemeinsam vollziehen

Andreas Güstel: Es ist besser, die beiden Innenwelten, aus denen man das mehr oder weniger heraus holt, kurz füreinander zu öffnen und daraus etwas zu generieren. Man kann da nur schwer rational an die Sache ran gehen.

VK: Wer etwas Neues entwickeln will, darf sich darauf nicht so fixieren. Es darf ruhig auch mal trivial oder langweilig klingen. Dazu gehört eine Stimmung, der man sich hingibt und das Entstandene im Nachhinein evaluiert. Ansonsten verpasst man Chancen, etwas entstehen zu lassen.

Basiert Euer Songwriting auf dem Reagieren auf die Ideen des Anderen?

AG: Ich würde es als Empathie bezeichnen. Das Tolle ist: wenn es gut läuft, ist es ein reiner emotionaler Fluss. Wir schaffen das nur dank elektronischer Aufnahmetechnik: wir halten Sachen fest und versuchen im Nachhinein, das Gespielte zu rekonstruieren. Meistens merkst Du ja schon beim Spielen, dass irgendwas toll war, besonders wenn man nicht mehr nachgedacht hat und die Zeit vergeht, ohne dass man davon viel mitbekommen hat.

VK: Oft sind wir Improvisationen regelrecht begeistert, andere haben wir auch schnell wieder vergessen und nach Wochen zeige ich sie Andreas, und der sagt „Mensch, das ist ja cool!“ und dann ist es natürlich problematisch, das wieder zu reproduzieren. Wenn etwas Cooles in einer Impro entstanden ist, muss das auch recht bald festgehalten werden. Hinterher fängt dann das Technische, Rationale an: Stückelung, Zusammenbauen, die Bridge einsetzen, die Dramaturgie am Ende.

Andreas Güstel (Klavier) und Volkhild Klose (Gesang, Klavier)
Andreas Güstel (Klavier) und Volkhild Klose (Gesang, Klavier)

Eine solche Arbeitsweise erfordert ein gewisses gegenseitiges Verständnis erfordert: man muss ahnen, wie der andere tickt. Ihr wart beide schon länger als Songschreiber und Musiker in diversen Projekten tätig. Wie kam es, dass Ihr Euch entschlossen habt, zusammen zu arbeiten?

AG: Das war eine ganz krasse Erfahrung. Ich war bei Volkhild zu Hause, weil sie mich gefragt hatte, ob ich sie bei ein paar Brecht-Liedern begleiten könnte. Und auf ihrem Klavier lagen eigene Noten, selbst komponierte Sachen. Ich fand total faszinierend, dass man jemanden findet, der sich ans Klavier setzt und so komponiert wie ich. Dann habe ich sie gefragt, ob wir zusammen arbeiten wollen und so hat sich das Stück für Stück entwickelt. Ich hätte zunächst nie gedacht, dass es klappt, ich war sehr skeptisch. Also haben wir uns am Anfang gegenseitig etwas von uns vorgespielt. Jeder hat ja selbst schon einiges gemacht und wir haben gespürt, dass man dem anderen zwar eine gewisse Kompetenz zugesteht, aber dass man selber noch nicht so viel heraus greifen kann.

VK: Wir haben uns auch mit unseren Stilen im Laufe der Zeit ganz schön vernetzt.

AG: Aber erheblich! Das ist was völlig anderes, als wenn nur einer komponiert. Eine gewisse Nuance, die nur der eine generiert hat, ist dann weg. So ist das auch bei uns: was wir produzieren, geht wirklich nur zusammen. Ich würde es nie alleine hinkriegen.

Ihr habt bei Euren bisherigen Projekten oft Stücke von anderen Leuten nachgespielt, jetzt schreibt Ihr eigene Songs. Geht Ihr bei den Texten ähnlich spontan vor wie bei der Musik?

VK: Im Grunde finde ich die Herangehensweise schöner, erst die Musik zu schreiben und den Text draufzulegen. Wenn man schon ein vorgefertigtes Metrum hat, hast Du auch schon einen festgelegten Rhythmus. Da hast du nicht so viele Möglichkeiten zum Variieren. Wenn wir Melodien entwickeln und improvisieren, singe ich immer Nonsens. Dann höre ich es mir später an und denke mir dazu eine Geschichte und einen Text aus. Das ist dann eher technisch und für mich persönlich viel Arbeit: ich brauche ziemlich lange, um Texte zu schreiben. Deshalb versuchen wir in letzter Zeit häufiger, Texte von anderen Menschen zu vertonen.

AG: Wenn wir Texte lesen, sprechen wir oft darüber, was das für ein Bild sein könnte. Das hilft mir zumindest, am Klavier etwas zu finden, das dieses Gefühl ausdrückt. Oder bei einer Überleitung beschreibt mir Volkhild ein Bild, zum Beispiel hatten wir bei einem Lied das „Um die Ecke gucken und dabei erstaunt sein“. Nur dadurch habe ich es hinbekommen! Der Text war für mich völlig irrelevant, weil ich nur über Bilder und Musik fungiere.

Eure Texte sind teilweise auf Englisch, aber auch auf Spanisch. Gibt es da ein bestimmtes Muster? Habt ihr vor, größtenteils englische Texte zu schreiben oder seid Ihr für Verschiedenes off

VK: Wir sind für Verschiedenes offen. Sprachen mit verschiedenem Klang eignen sich gut, um unterschiedliche Nuancen reinzubringen. So hat zum Beispiel die spanische Sprache einen ganz eigenen Klang. Wir haben während einer Improvisation gemerkt, dass spanische Wörter und Sätze eine ganz andere Stimmung induzieren als das Englische. Allerdings fühle ich mich persönlich am wohlsten, in englischer Sprache zu singen. Daher wird es überwiegend dabei bleiben.

Wenn ein Song auf Spanisch entsteht, spielt der Klang der Sprache eine größere Rolle als der Inhalt?

VK: Ja, ehrlich gesagt schon. Ich finde, dass das Englische auch was Witziges haben kann. Das Spanische hat für mich eine wahnsinnige emotionale Ernsthaftigkeit, die auch in dieser Musikkultur begründet liegt. Deutsch eignet sich für mich persönlich ganz gut, um komische Sachen zu machen. Ich kann nicht so genau beantworten, wann wir was nehmen und warum. Es hat wirklich etwas damit zu tun, was wir ausdrücken wollen. Es ist auch eine Art von Spiel: beim Singen übernehme ich eine Rolle – nicht wie beim Schauspiel, aber es ist schon so, dass ich mich hinter die Stimmung dieses Liedes stelle. Wenn das eben die Haltung einer stolzen spanischen Frau ist, dann singt sie halt Spanisch.

AG: Das Temperament ist das Essentielle. Bei mir am Klavier baut sich meistens eine Bühne auf, auf der etwas passiert, was ich begleite. Sehr wichtig ist für mich eine Lichtstimmung, die ich mir im Kopf vorstellen kann. Daher spielen wir auch öfters mit geschlossenen Augen. Das ergibt unterschiedliche Lichtstimmungen. In einem Raum haben wir uns zum Beispiel mal Kerzen angezündet .

Dann kommen wir jetzt nochmal ein bisschen genauer auf die Musik zu sprechen. Eure bisherigen Songs sind von der Länge und vom Aufbau Pop-Songs. Ihr habt beide aber auch eine klassische Ausbildung. Würdet Ihr Euch zwischen Pop und Klassik verorten?

AG: Akustischer, melodramatischer Pop!

VK: Andreas und ich haben beide eine klassische Ausbildung: ich habe viele Jahre Klavier gespielt, deshalb spielen wir auch vierhändig. Es ist schon so: machen Pop-Musik und wir stehen dazu. Aber es ist uns auch wichtig, dass wir mit den begrenzten Möglichkeiten – also vier Hände am Klavier und eine Stimme – auch andere Musikrichtungen mit einbeziehen. Wir verwenden beim Liedaufbau nicht immer das typische Vers-Refrain-Schema aus der Popmusik.

AG: Das Klavier verwenden wir ja teilweise auch atypisch, als Flächenuntergrund, den bei Pop-Songs normalerweise Streicher übernehmen würden. Wir benutzen auch keine klassischen Rhythmen. Das Hauptmerkmal ist das Gefühl: es muss Dich fesseln, wenn Du es hörst!

VK: Wir sind beide Dynamik-Fetischisten und haben es nicht gerne, wenn in einem Lied Lautstärke und Intensität durchgehend gleich bleiben. Wir wollen eigentlich immer Kontraste innerhalb eines Liedes haben.

(Fortsetzung folgt)

Interview: Matthias Freytag

Resonanzkäppchen und der Böse Raum spielen am 14.08. in der Schauburg Halle.

NAOKOS LÄCHELN

Regisseur Tran Anh Hung hat sich an die Verfilmung des Bestsellers von Haruki Murakami gewagt. Entstanden ist ein Coming-of-Age-Film über das Erwachsenwerden, der im Tokio der Sechziger Jahre angesiedelt ist.

Ende der Jugend: Torus (K. Matsuyama) Wiedersehen mit Naoko (R. Kikuchi) an ihrem 18. Geburtstag

Ende der Jugend: Torus (K. Matsuyama) Wiedersehen mit Naoko (R. Kikuchi) an ihrem 18. Geburtstag

Im Mittelpunkt der Handlung von Naokos Lächeln stehen die Erinnerungen von Toru Watanabe (Kenichi Matsuyama), der auf einen wichtigen Scheideweg seiner Jugendjahre zurück blickt. Während seiner Studienzeit in Tokio hat er eine Wiederbegegnung mit Naoko (Rinko Kikuchi). Der Selbstmord ihres gemeinsamen Jugendfreundes Kizuki beendete das jugendliche Idyll der drei Freunde für immer – ein Umstand, den beide auf andere Weise verdrängen. Während Toru an der Universität zunächst Ablenkung findet, wählt Naoko den Weg des Rückzugs in sich selbst.

Swinging Sixties in Tokio: Toru mit dem hedonistischem Studienfreund Nagasawa (T. Tamayama)

Swinging Sixties in Tokio: Toru mit dem hedonistischem Studienfreund Nagasawa (T. Tamayama)

Ein politischer Subtext wird erkennbar: die japanische Gesellschaft befindet sich im Wandel, der sich in Form von Studentenprotesten und einer Hinwendung zum westlichen Lebensstil und Konsumverhalten äußert. Als Antagonist fungiert Torus Studienfreund Nagasawa (Tetsuji Tamayama), der aufstiegsorientiert denkt, in seiner Sexualmoral aber recht freizügig ist. Nagasawa neigt zu Affären und schlägt ihm gönnerhaft einen Partnertausch mit seiner Freundin Hatsumi (Eriko Hatsune) vor. Toru selbst bleibt jedoch ein Außenstehender, der schließlich über Midori (Kiko Mizuhara) Anschluss an die Gegenwart findet. Sie erscheint ihm unabhängig und frei von traditionellen Bindungen. Es ist dieser Zwiespalt, der den Film voran treibt: Torus emotionales Pendeln zwischen der lebensfrohen Midori und Naoko, zu der er sich durch gemeinsam erlittenes Schicksal weiterhin hingezogen fühlt.

Detailgetreu komponierte Einstellungen dieser Art sind typisch: Naoko und Toru lauschen dem Gitarrenspiel von Reiko (Reika Kirishima)

Detailgetreu komponierte Einstellungen dieser Art sind typisch: Naoko und Toru lauschen dem Gitarrenspiel von Reiko (Reika Kirishima)

Anspruch des vietnamesischen Regisseurs war es, dem im nostalgischen Rückblick erzählten Roman einer Atmosphäre des unmittelbar erlebten Schmerzes zu unterziehen. Gleichzeitig spielt er mit dem imaginierten Bild eines Zeitgeistes. Ähnlich wie Bertoluccis Film Die Träumer nimmt das Dargestellte selbstreferentielle Konturen an und reüssiert ein Bild der Sechziger Jahre, deren Aufbruchstimmung und Hoffnungen aus früheren künstlerischen Darstellungen bekannt sind. In den sich über die Zeit wandelnden Verhältnissen der Protagonisten ist eine Nähe zu den Nouvelle Vague-Filmen Francois Truffauts oder Eric Rohmers zu erkennen. Die Protagonisten werden in einer Lebensphase verfolgt, die von zwischenmenschlichen Wünschen und deren Scheitern geprägt ist. Leitmotiv von Torus Erinnerung ist der Beatles-Song „Norwegian Wood“ (Titel des Romans von Hurakami und im Original), der in ihm alte Gefühle wach ruft. Naokos Lächeln wird insofern auch dem Werk Murakamis gerecht, der stark die Elemente westlicher Popkultur in seine Romane einfließen lässt.

Verschwinden der Protagonisten in der Weite des Raumes

Verschwinden der Protagonisten in der Weite des Raumes

Regisseur Tran Anh Hung arbeitet mit streng durchkomponierten Bildern. Subtilität ist ein wichtiges Merkmal. Vor allem Matsuyama und Kikuchi (als Toru und Naoko) verleihen ihren Szenen eine beklemmende Intimität, die im Minenspiel der Schauspieler besser zur Geltung kommt als in den Dialogen. Die Filmsprache von Naokos Lächeln lebt nicht nur von ihrer betonten Langsamkeit, sondern auch vom Einsatz des Raumes. Während die Lebendigkeit Midoris oft durch Begegnungen in öffentlichen Räumen und im Tageslicht dargestellt wird, kontrastiert dies mit den intimen Szenen Naokos in engen Zimmern oder menschenleeren, weiten Landschaften, in denen beide Protagonisten etwa nach einer langen Kamerafahrt förmlich verschwinden. Für eine schwermütige Stimmung sorgt ebenso die musikalische Untermalung von Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood, die vor allem gegen Ende des Films in ihrer kargen Direktheit eindringlich wirkt. Der Suizid des Jugendfreundes Kizukis ist ein wiederkehrendes Motiv des freiwilligen Ausscheidens aus einer Welt, deren Zugang man nicht mehr findet. Toru muss sich entscheiden, welchen Weg er wählt und sich dabei der Frage stellen, ob er bereit ist, Erlebtes hinter sich zu lassen: eine Vergangenheit, die in der Erinnerung schön, aber statisch ist.

Erstveröffentlichung dieses Artikels bei generation-news.eu

© Pirlouiiiit – Concertandco.comBild: © Pirlouiiiit Concertandco.com

Eine recht überschaubare Besucherzahl sorgte für ein familiäres Flair im UT Connewitz. Wenig überraschend, findet doch die Musik von Jessie Evans und Toby Dammit hierzulande noch kaum Beachtung. Für Extravaganz und schrägen Glamour ist sowohl bei den meisten deutschen Indie-Bands als auch in der hiesigen elektronischen Musikszene wenig Platz. Dabei verfügt gerade Evans Wahlheimat Berlin über eine burleske Performance-Tradition aus den Zwanziger Jahren. Diese Elemente sind es auch, die gepaart mit der Theatralik des amerikanischen Deathrock den Live-Auftritten von Jessie Evans ihre eigene Note verschaffen.

In der kalifornischen Provinz aufgewachsen, wurde Evans vor allem mit Punk, Reggae, Jazz und Afro-Beat musikalisch sozialisiert. Mit ihrer Band The Vanishing spielte sie einige Jahre lang düsteren Electropop, bevor sie mit der einstigen Malaria!-Musikerin Bettina Köster und dem Projekt Autonervous in der Berliner Szene um das Label Pale Music Fuß fassen konnte. Vom Electro-Punk-Sound, der für dieses Umfeld typisch war, hat sich Evans mit ihrem letzten Solo-Album Is It Fire? jedoch weitgehend gelöst. Zusammen mit Schlagzeuger Toby Dammit, der sich vormals für Iggy Pop und The Residents die Sticks in die Hände gab, hellte sie den düsteren Sound ihrer früheren Projekte mit Afro-Beat und mexikanischen Tropical-Elementen auf.

© Pirlouiiiit – Concertandco.comBild: © Pirlouiiiit Concertandco.com

Auf der Bühne hat Evans nichts von ihrer Energie eingebüßt: in schillernder Kostümerie singt sie in Englisch und Spanisch, spielt Saxofon und legt zwischendurch kühne Tanzeinlagen vor. Unterstützt wird sie von Dammit, der verstärkt auf synkopisches Trommelspiel, Maracas und exotische Percussions setzt und die Becken nur selten benutzt. Dies gibt dem Rhythmus einen sehr unrockistischen Klang und eine Fülle, der man oft gar nicht anmerkt, dass die beiden Musiker nur mit zwei Instrumenten und eingespielten Drumcomputer-, Blechbläser- und Akkordeon-Samples agieren. Umso stärker variiert Evans‘ Saxofonspiel: kürzere, rhythmusorientiere Passagen wie in Let Me On wechseln sich mit mehrminütigen Soli ab. Ihr Können zeigt sie vor allem im hypnotischen To the Sun, das sich an mäandernden Jazz-Strukturen orientiert. Stimmlich erinnert sie an New Wave-Exzentrikerinnen wie Lene Lovich oder Danielle Dax, musikalisch an eigensinnige Bands wie Essential Logic, The Slits oder James White & The Blacks, die Anfang der Achtziger Disco, Jazz, Funk, Ethno und Avantgarde mit ihrem Punk-Ethos vermischten.

Ihre Nähe zur Performance-Kunst ist unverkennbar. Evans bespritzt die Menge mit Wasser, springt des öfteren von der Bühne, um sich unter die Gäste zu mischen. Aber hier ist nicht San Francisco, nicht einmal Berlin: abseits der Hauptstadt reagieren deutsche Konzertbesucher auf diese Art von Auftritten eher zurückhaltend. Begeisterung war dennoch da, so dass es als Zugabe noch einen neuen Song gibt. „Whitemare“ schlägt eine (auch textlich) punkigere Richtung an, die zeigt, dass das musikalische Schaffen von Evans keineswegs ausgereizt ist.

Im zehnten Jahr ihres Bestehens fand die Leipziger Pop Up in diesem Jahr erstmalig ohne die dazugehörige Messe statt. Live gab es mit dem Konzert von Animal Collecive im UT Connewitz einen Höhepunkt.

Es deutete sich bereits in den Vorjahren an: nachdem die Anzahl der ausstellenden Labels zuletzt abnahm und sich in der Organisation und Struktur bereits Veränderungen anbahnten, fand die diesjährige Pop Up gänzlich ohne die Messe statt. Leipzigs Independent-Musikmesse beschränkte sich aufgrund mangelnden Interesses seitens der Labels lediglich auf Podiumsdiskussionen und das Konzertprogramm. Einer der Höhepunkte im Liveprogramm waren Animal Collective, die kurzfristig für die Pop Up ihre Europa-Tour um ein Konzert im UT Connewitz ergänzten.

Eingeleitet wurde der Abend mit der Support-Band Teengirl Fantasy, zwei Jungspunden aus Ohio, die mit ihrer sphärisch und gleichzeitig verspielten elektronischen Musik auf ihrem Debutalbum 2010 für Aufsehen sorgten. Ihr Sound ist von House-Rhythmen und verwaschenen Synthesizer-Klangteppichen geprägt. Zusammen mit den eingängigen Vocal-Samples, die an Soul-, Disco- und House-Stücken der Siebziger und Achtziger Jahre erinnern, erzeugen sie eine hypnotisch-warme Stimmung. Dennoch kommt der Groove in ihrer Live-Darbietung nicht zu kurz und die ravigen Synthesizer-Riffs luden ein zunächst verhaltenes Publikum zum Tanzen ein. Bereits länger aktiv und mit ihren letzten Alben auch in europäischen Hipsterkreisen sehr angesagt ist die New Yorker Band Animal Collective. Charakteristisch ist ihre Kombination aus psychedelischem Folk, verschrobener Elektronik und dem an die Beach Boys erinnernden Gesang von Noah Lennox. Diesen unverkennbaren Sound erweiterten sie auf ihrem letzten Album „Merriweather Post Pavilion“ um eine gehörige Portion Electropop. Dem Leipziger Publikum präsentierten sie einen Auszug ihres bisherigen Schaffens, dem zwischen flächigem Gitarrenlärms und Percussion-lastigen Ruhephasen stets ein großer Pop-Pathos eigen ist.

Für das Konzertprogramm, das sowohl Newcomern als auch etablierteren Indie-Bands einen Platz bietet, bleibt die Pop Up weiterhin ein Garant. Unklar ist allerdings die zukünftige Entwicklung der Messe, die sich einem stärker auf das Internet verlagernden Musikvertrieb anpassen muss.

Hatr.org

hatr.org: die trollhalde

Dass das Web 2.0 als riesiger Tummelplatz für krude politische Ideologen, paranoide Verschwörungstheoretiker oder primitive Kleingeister jeglicher Couleur fungiert, ist ja hinlänglich bekannt und wird gerade in den Kommentarbereichen diverser Online-Plattformen offensichtlich. Um diesem Wahnsinn, mit dem sich vor allem feministische BloggerInnen auseinandersetzen müssen, entgegenzutreten, hat sich Hatr.org die ehrenwerte Aufgabe gestellt, all jenen geistig verdunkelten Irrsinn vorzuführen:

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